DIE ZEIT: Herzlichen Glückwunsch, Mr O’Leary.

Michael O’Leary: Wozu?

ZEIT: Ihr Pferd "Rule the World" hat kürzlich das Grand National Aintree gewonnen, das prestigeträchtigste Hindernisrennen der Welt. Ryanair transportiert als einzige Airline in Europa über 100 Millionen Menschen im Jahr und ist spürbar kundenfreundlicher geworden. Zählen Sie nun zum Establishment?

O’Leary: Nein, aber seit wir angefangen haben, netter zu den Kunden zu sein, geht nicht nur die Performance der Fluggesellschaft durch die Decke, meine Pferde laufen auch viel besser. Netten Menschen geschieht Gutes. Ryanair geschieht Gutes.

ZEIT: Neuerdings bieten Sie sogenannte Business-Plus-Tarife an, "Premium-Sitze" mit mehr Beinfreiheit, Sie vermieten sogar einen Firmenjet. Schlagen Sie jetzt nie mehr Toilettengebühren oder Stehplätze vor? Keine Wutanfälle über "dumme" Passagiere, kein "fuck off" mehr?

O’Leary: Die Zeiten sind vorbei, als wir Unerhörtes gesagt haben, um billige Publicity zu kriegen. Vor einigen Jahren konnten wir uns keine großen Werbekampagnen leisten. Wir brauchten billige PR, und das ging einfach, indem wir kontrovers waren und rüpelhaft. Nun können wir uns leisten, fürsorglicher zu unseren Passagieren zu sein und Themen wie die Sitzplatzwahl und die strenge Beschränkung auf ein Stück Handgepäck anzugehen, während wir zugleich unsere Preise weiter drücken.

ZEIT: 2010 strichen Sie viele Flüge nach Deutschland wegen der Luftverkehrssteuer. Damals sagten Sie: "Solange diese Steuer existiert, werden wir nicht mehr in Deutschland expandieren." War das auch bloß billige PR? Die Steuer ist immer noch da, aber Ryanair wächst stark in Deutschland.

O’Leary: Wir sind nach wie vor gegen die deutsche Steuer. Aber was sich in den vergangenen zwei Jahren Grundlegendes verändert hat, ist die Implosion von Air Berlin. Sie bewirkt, dass die meisten deutschen Flughäfen uns Rabatte dafür anbieten, dass wir sie nutzen. Jemand muss in die Bresche springen. Sonst müssen die Deutschen überzogene Preise für Inlands- und Kurzstreckenflüge zahlen, weil sie auf ein Duopol von Lufthansa und Air Berlin angewiesen sind.

ZEIT: Aber Lufthansa baut gerade seine eigenen Billigflieger Eurowings und Germanwings aus ...

O’Leary: ... nichts bei Eurowings oder Germanwings ist low cost. Ihre Preise sind hoch, ihre Kosten sind hoch. Wir müssten unsere Tarife verdoppeln, um auf ein Niveau mit Germanwings zu kommen. Nur Lufthansa selbst glaubt, dass Germanwings ein Billigflieger ist. Aber das denkt kein einziger Passagier.

ZEIT: Auf welchen Strecken greifen Sie Lufthansa an?

O’Leary: Wir greifen keine Fluglinien an. Wie bedienen Routen, vor allem solche, wo die Leute abgezockt werden. Schauen Sie die Routen von Deutschland nach Belgien an. Hier hat Lufthansa praktisch ein Monopol: mit ihrer Tochtergesellschaft Brussels Airlines einerseits und sich selbst andererseits, und die deutschen Kunden mussten schon mal 400 oder 500 Euro zahlen. Wir machen es für 50 Euro.

ZEIT: Sie haben mal gesagt: "Die Deutschen würden für billige Flüge splitterfasernackt über Glasscherben kriechen." Wird uns Ihr Wachstum deutlich niedrigere Ticketpreise bescheren?

O’Leary: Ich hoffe auf einen Preiskrieg. Sie werden viel mehr günstige Tarife sehen, weil Ryanair rapide expandiert: kommenden Winter mit einer neuen Basis in Hamburg und in Nürnberg sowie viel mehr Flügen aus Berlin. Aber bedeutet dies schon einen Preiskrieg? Dafür müsste die Lufthansa ihre Preise mindestens halbieren.

ZEIT: Sie fliegen nun auch innerdeutsch: fünfmal täglich Berlin–Köln, eine typische Air-Berlin-Strecke. Attackieren Sie damit Air Berlin?

O’Leary: Nein, wir fokussieren uns auf die Strecken, auf denen Air Berlin Flüge und Kapazität kappt. Innerdeutsche Routen sind kein besonderer Schwerpunkt für uns.