Der Erfolg der AfD auch bei den gebildeten Ständen hatte für liberalkonservative Skeptiker und Dandys mit Geschichtsgefühl etwas Deprimierendes und Fatales. Sie fühlten sich zwischenzeitlich nicht mehr wohl in ihrer Haut, denn es konnte der Eindruck entstehen, dass manche ihrer Themen und Intuitionen, zwar ins Vulgäre verroht, politisch durch die AfD artikuliert würden.

Manchen Spott, mit dem der geistreiche Konservative dem kulturellen Fortschrittsmilieu an den Karren gefahren war, musste er sich nun versagen, denn für einen Moment sah es so aus, als ob er mit der AfD und Pegida und ihrer Gemeinheit in einem Boot sitzen würde. Wer sich von einer Debatte über Leitkultur gerade für eine Einwanderungsgesellschaft positive Effekte versprach, wer gesicherte Außengrenzen für ein Wesensmerkmal von Staatlichkeit hielt, wer der Meinung war, dass man genauer hinhören sollte, was in deutschen Moscheen gepredigt wird, wer der Überhöhung von Diversität zum normativen Staatsziel misstraute, wer überhaupt den Verklärungsdiskurs von Buntheit für folgenlose Gefühlspolitik hielt, aber auch wer bisher dachte, dass die kulturelle Leistung von weißen alten Männern nicht gänzlich an der aktuellen Moral der Gegenwart zu messen sei, der hatte plötzlich ein Abgrenzungsproblem.

Und sollte er, weil er neben seiner konservativen Seite wie gesagt auch eine liberale hat, ebenfalls einer Gesamthaftung der europäischen Schulden wenig abgewonnen haben, weil sie das Verantwortungsprinzip aushöhlt, wurde er nun möglicherweise als Krypto-AfDler identifiziert, mit deren Überfremdungsangst ihn indes nichts verband.

Es gab noch ein zweites Abgrenzungsproblem: Das intellektuelle Unterstützermilieu der AfD hat in den vergangenen Jahren sehr geschickt bestimmte Schwachpunkte und blinde Flecken des Justemilieu erkannt und die Kritik daran in eine rhetorische Dampfwalze verwandelt. Zwei Beispiele:

Natürlich war es erfrischend, als Kurt Scheel in den neunziger Jahren, damals Mitherausgeber des Merkurs, gegen eine erkennbare Übermoralisierung des öffentlichen Diskurses den Begriff des "Gutmenschen" prägte. Die Neue Rechte indes nutzte diese ursprünglich als Selbstkritik der reflektierenden Klasse gemeinte Begriffsfigur, um jede Argumentation, die nach moralischen Gründen fragt, der Lächerlichkeit preiszugeben. In den Foren der Neuen Rechten wird kein Begriff häufiger zur Feinderkennung herangezogen als der des Gutmenschen. Als Liberalkonservativer mit pessimistischem Menschenbild biss man sich nun lieber auf die Zunge, als noch einmal das Wort Gutmensch zu verwenden.

Zweites Beispiel: die sogenannte Nazikeule. Es ist ja völlig offensichtlich, dass mit der Verdächtigung, ein bestimmtes Denken sei nazistisch, in Deutschland sehr freizügig umgegangen wurde, um Positionen und Denktraditionen von Andersmeinenden zu diskreditieren – schon wer Stefan-George-Philologie betrieb, konnte sich verdächtig machen! Auch diesen Reflex hat sich die Neue Rechte – vergleichbar einem Kampfsportler, der die Bewegungsenergie des Schlags des Gegners zum eigenen Gegenschlag nutzt – zu eigen gemacht: Warf man ihr rechtsnationales oder fremdenfeindliches Denken vor, hielt sie sich vor Lachen den Bauch und entgegnete: Etwas anderes als die Nazikeule falle ihren Gegnern nicht ein.

Es zeigt sich jetzt aber immer unmissverständlicher: Den Spott über Gutmenschen und Nazikeulen, der durchaus an einer bestimmten Stelle der Debatte eine aufklärerische Funktion hatte, nutzt die Neue Rechte, um offensiv einen Bösmenschen-Diskurs und völkische Fremdenfeindlichkeit durchzusetzen.

Fünf Beispiele: Vermutlich würde Alexander Gauland gar nicht widersprechen, wenn man ihm Xenophobie vorwürfe. Er würde allenfalls präzisieren, dass xenophobe Reflexe eine anthropologisch gesunde Reaktion auf zu viele Menschen mit anderer Hautfarbe seien. Noch am Sonntagabend, als er seine Worte über Boateng zu glätten versuchte, fand er gegenüber den Tagesthemen folgende Formulierung: "Es gibt viele Menschen, die Fremde in ihrer Nachbarschaft nicht für ideal halten." Das kommt nur scheinbar deskriptiv daher. Denn bei so viel Verständnis für das Unwohlsein dieser Menschen, bleibt die Frage: Was tun mit den Fremden?

Gaulands Satz: "Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben" (von dem er inzwischen in einem Brief an seine Partei sagt, er sei nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen, und im Übrigen habe er damit nicht Boateng, sondern besagte Nachbarn beleidigt), bezog sich auf einen deutschen Staatsbürger, in Deutschland geboren, mit deutscher Mutter und ghanaischem Vater, der sich zum Christentum bekennt. Wenn das nicht reicht, um sich als Staatsbürger nicht infrage gestellt fühlen zu müssen, wird es eng.

Das Fremdsein, über das Gauland seine Stirn so in Falten legt, ist also ethnisch gemeint. Es ist mithin notwendig, die Nazikeule herauszuholen und daran zu erinnern, dass das letzte Gesetzeswerk, das ethnische Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft transparent entfaltet hatte, die Nürnberger Gesetze waren.

Alexander Gauland erklärt derweil, von den FAS-Redakteuren missverstanden worden zu sein. Die AfD selbst gibt sich in diesem Punkt schillernd. Mal tut sie so, als ginge es ihr nur um Integration – sie legt dabei die Latte für das, was sie unter gelingender Integration versteht, immer höher: Am Montag kritisierte die AfD Sachsen Mesut Özils Pilgerfahrt nach Mekka als "antipatriotisches Signal".

Dann aber arbeitet die AfD wieder mit einem ethnischen Begriff von gesellschaftlicher Homogenität. Der philosophische Kopf der AfD, Marc Jongen, wurde im ZEIT-Interview in der vergangenen Woche gefragt, wie er Identität definiere. Seine Antwort: "Der Pass alleine macht noch keinen Deutschen." Die nur rechtliche Fassung des Staatsbürgerbegriffs sei eine "abstrakte Konstruktion". Wenn aber die Staatsbürgerschaft als Grundlage des rechtlichen Schutzes nicht hinreicht, dann wüsste man gern genauer, welchen Zwischenstatus diese Nur-Pass-Deutschen in den Augen der AfD haben?