Die AfD braucht nur "Islam" zu sagen, schon richten sich sämtliche Mikrofone in ihre Richtung. Wenn sich die Parteispitze dann noch mit dem Zentralrat der Muslime in Deutschland trifft, um am Ende das Gespräch abzubrechen, ist das die Breaking News. Tatsächlich aber ist das Treffen ein Geschäft auf Gegenseitigkeit gewesen: Sowohl die AfD als auch der Zentralrat haben maximale Aufmerksamkeit in eigener Sache bekommen. Geschick im Spiel mit der Öffentlichkeit ist allerdings längst nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen der AfD und dem Zentralrat.

Zum Hintergrund: In Deutschland leben rund sechs Millionen Muslime, rund 20 Prozent sind in religiösen Verbänden organisiert. Unter diesen Verbänden tut sich der Zentralrat (ZMD) besonders hervor. Er erweckt den Eindruck, in der Debatte um die Rolle des Islams in Deutschland der Hauptansprechpartner zu sein. Allein der Name "Zentralrat der Muslime" suggeriert Größe und Relevanz. Nicht zuletzt durch die Schützenhilfe von Medien, Politik und Kirchen – die geradezu zwanghaft einen Ansprechpartner unter den hier lebenden Muslimen suchen – hat der ZMD seit seiner Gründung vor 22 Jahren eine beachtliche Präsenz in der deutschen Öffentlichkeit erlangt.

So ist es auch der ZMD, der in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der AfD im Namen der Muslime das Wort führt. Allerdings auf unsachliche Art und Weise. Anfang Mai verglich Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralverbands, die AfD mit Hitlers NSDAP. Die Botschaft dahinter: Muslime seien hierzulande existenziell bedroht, so wie einst die Juden im "Dritten Reich". Im Gegensatz zu den Juden damals verfügen die Muslime heute aber über sämtliche Bürgerrechte. Muslime in Deutschland haben alle Freiheiten, ihre Religion zu leben. Sie können sich beispielsweise kleiden, wie sie wollen, und so für jeden ihren Glauben auch sichtbar machen. Hierzulande gibt es kein Burkaverbot, und selbst am Arbeitsplatz oder an Universitäten ist Muslimen das rituelle Gebet möglich.

Was die Anspielung des ZMD-Generalsekretärs angeht: Ja, die AfD duldet Rassisten, Muslimfeinde und Antisemiten in ihren Reihen. Und auch nach ihrem jüngsten Bundesparteitag hat sie kein Konzept vorlegt, wie sie mit solchen Leuten und deren Gedankengut parteiintern umgehen will.

Allerdings sollte gerade der Zentralrat der Muslime genau überlegen, was er an der AfD kritisiert. Denn im Umgang mit Extremisten im eigenen Lager agiert der Zentralrat ähnlich wie die AfD: Er leugnet, mit ihnen etwas zu tun zu haben, und lässt sie zugleich gewähren. Tatsächlich gilt zum Beispiel das Islamische Zentrum München nicht nur als erste Vertretung der Muslimbruderschaft in Deutschland, sondern ist bis heute Mitglied im ZMD. Ihr ehemaliger Funktionär Ahmad von Denffer hat das Standardwerk Erlaubtes und Verbotenes im Islam des ägyptischen islamistischen Gelehrten Jussuf al-Karadawi ins Deutsche übersetzt. Damit ist Denffer maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich diese reaktionäre Auslegung hierzulande verbreiten konnte.

Bis vor drei Monaten sind die extremistischen Ansichten des Begründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, auf der Plattform waymo.de zu finden gewesen. Diese Plattform ist ein Projekt des Zentralrats und der Medienagentur Yunay (deren Besitzer übrigens ZMD-Generalsekretär Aiman Mazyek ist). Ebenso ist auf der Plattform der salafistische Prediger Ibrahim Abou-Nagie zu Wort gekommen. Er ist der Kopf der Aktion "Lies!", die den Koran flächendeckend in deutschen Fußgängerzonen verteilte. Einige Jugendliche folgten daraufhin dem Ruf des IS.

Nachdem ich öffentlich gemacht habe, was auf waymo.de ein Forum bekommt, sind die Islamisten-Botschaften entfernt worden. Doch hat sich der ZMD bis heute in keiner Weise kritisch mit den Akteuren und den Inhalten auseinandergesetzt. Für mich bleibt daher jede Mahnwache gegen den Terror unglaubwürdig, solange der Zentralrat sich nicht offen gegen den Extremismus in den eigenen Reihen stellt.

Angesichts dessen hat sich der ZMD-Generalsekretär mit seinen Hitler-Äußerungen weit aus dem Fenster gelehnt. Zumal Al-Karadawi und Al-Banna Hitler für die Vernichtung der Juden beklatschen. Wer also wie Mazyek Anschuldigungen erhebt, sollte etwas präziser mit Vergleichen sein. Vor allem, wenn mit dem Islamophobie-Vorwurf der Versuch unternommen wird, jegliche Kritik am Islamismus als Rassismus abzutun. Wer als Muslim Kritik übt, wird von Verbandsmuslimen gern als Hausmuslim tituliert, der sich der Mehrheitsgesellschaft anbiedere.

Eine weitere Parallele zwischen dem Zentralrat und der AfD ist der Gestus der Bedrängten und Benachteiligten. Wann immer AfD-Funktionäre für rassistische Äußerungen kritisiert werden – sei es Beatrix von Storch mit dem Schießbefehl gegen Flüchtlinge oder Björn Höcke mit dem Tausendjährigen Reich –, schieben sie die Schuld der Presse zu. Sie habe die Äußerungen aus dem Zusammenhang gerissen. Ähnliches ist beim ZMD zu beobachten: Auch er kreidet das schlechte Image des Islams vor allem den Medien an.

Einerseits verfemen ZMD und AfD die Presse, andererseits suchen sie die mediale Bühne. Zuletzt ist das bei ihrem gemeinsamen Treffen deutlich geworden. Was als Gespräch verkauft wurde, war tatsächlich ein oberflächlicher Schlagabtausch. Der einzige Zweck dieses Spektakels war die anschließende Inszenierung als Opfer.

Mit dieser Masche werden beide Seiten so lange durchkommen, wie wir sie im Gefühligen gewähren lassen, anstatt von ihnen inhaltliche Erklärungen einzufordern.