Nein, dieses Mal nicht. Dieses Mal gibt es nichts Kantiges, nichts Hartes zu sehen, keines dieser herrlich abstrakten Würfelhäuser, wie sie die Schweiz sonst gerne vorzeigt. Dafür eine Riesenwolke aus Beton, mächtig aufgeplustert und mit vielen kleinen Knubbeln, abgestellt mitten im Pavillon der Schweiz, zu sehen auf der großen Architekturbiennale in Venedig, die am Wochenende eröffnet wurde.

Das Schönste daran: Die Wolke lässt sich bewohnen. Der Besucher durchklettert eine kleine Luke und gerät unversehens vom Himmel in die Hölle. Oder genauer: Er steht in einer weißen Grotte, die zum Hangeln einlädt oder einfach dazu, sich auf einen Vorsprung zu setzen und die Gedanken schweifen zu lassen. Wie wäre es, wenn der Mensch sich nicht behauste, sondern bewölkte? Wenn das Schwebende, das ewig Unstete ihm zur Heimat würde? Oder möchte der Mensch doch lieber zurück in die Höhle seiner Ahnen, behütet im Bauch von Mutter Erde?

Hier im Pavillon der Schweiz, entworfen von Christian Kerez, nimmt die Architektur uns auf in ihren Leib und setzt uns zugleich spielerisch frei: um losgelöst von aller Wirklichkeitsschwere nach dem zu fragen, was uns hält und begrenzt.

Zugegeben, das war es nicht, was der Oberkurator der Biennale, Alejandro Aravena, im Sinn hatte, als er die Architekten der Welt zu Frontberichterstattern erklärte. Nicht die Grenzen ihrer Imagination, sondern die Konfliktverläufe der Gegenwart sollten sie erkunden. Von den Metzeleien, den Umweltschäden, dem Flüchtlingskollaps ist denn auch viel die Rede in Venedig. Und wenn es außerhalb des Schweizer Pavillons noch Wolken zu sehen gibt, dann sind es Schwaden aus Schutt und Asche, die dort aufsteigen, wo Bomben fallen. Der Architekt Eyal Weizman spürt diesen Explosionen nach, in Pakistan oder im Gazastreifen, er kartografiert die Gewalt und zeigt nun Modelle und Fotos seiner "forensischen Architektur".

Weg von der Baukunst mit ihren freien Formfantasien, hin zu einer Bausoziologie der tätigen Hand – das ist das Programm dieser Großausstellung. Nie war auf einer Biennale so viel Selbstgemörteltes zu sehen, nie so viel Selbstverschraubtes. Denn bei den Laien scheint die alte Verheißung der Architektur noch lebendig: den Menschen ein behütetes Leben schenken zu können. Und alles, was es braucht, sind Latten und Ziegel.

Westlichen Besuchern der Biennale beschert diese Freude am Informellen im Zweifel ein gutes schlechtes Gewissen. Ob Schulen in Peru, Marktstände in Südafrika oder ein Kinderkrankenhaus in Paraguay, den Ärmsten der Armen wird geholfen, ohne dass sich damit am eigenen Leben groß etwas ändern müsste. Oder etwa doch?

Gelegentlich weicht das exotische Flair dieser Biennale, und die Probleme des Westens treten auf, die Wohnungs- oder die Migrantenfrage. Auch hier geht es dann oft ums Handanlegen, darum, dass sich das emanzipierte Ich billig, schnell und irgendwie auch antikapitalistisch sein eigenes Heim zusammenzimmert. Entsprechend wird der Staat aus der Pflicht entlassen, und selbst das Rechtssystem scheint neuerdings obsolet zu sein. Paragrafen müssten gedehnt, notfalls umgangen werden, hört man an vielen Ecken der Ausstellung. Schließlich verhindere ein überängstliches Baurecht nicht nur ungewöhnliche Ideen, etwa den Schulhof auf dem Hochhaus, sondern auch das freie Werkeln der Laien. Der spanische Architekt Santiago Cirugeda fordert daher ein "Recht auf Illegalität".

In dieser Staats- und Regelverachtung jedoch kreuzt sich der naive Pragmatismus mit den neoliberalen Idealen der Profitmaximierung. Und es zeigt sich, wie unpolitisch der zur Schau getragene Aktivismus mitunter ist. Die Biennale präsentiert lautere Nischenprojekte, vermeidet aber jede Analyse. Sie interessiert sich für das Elend, nicht für dessen Ursachen. Und meint, noch die schlimmste Krise ließe sich im Kleinen schon irgendwie meistern, wenn nicht auf technische Weise (Erfindung!), dann auf soziale Art (Mitmachkultur!).

Nun ist es natürlich besser, eine statt keine Schule zu bauen, in Peru oder wo auch immer. Weshalb man sie aber in Venedig vorzeigen muss, bleibt einigermaßen rätselhaft. Es gehört zum Wesen des Lokalismus, dass er sich von allen universalen Regeln und Idealen verabschiedet. Das aber heißt, dass eine Ansammlung lobenswerter Kleinstinitiativen nicht mehr ist als eben das: eine Ansammlung. Nur wenig lässt sich übertragen, kaum etwas voneinander lernen. Damit jedoch verweht die idealistische Wolke (nicht die aus Beton), und die Großausstellung führt sich selbst ad absurdum. Zurück bleibt die schale Erkenntnis, dass die Architektur nun offenbar alles zu sein vermag, was die Welt ist. Und die Architektur so weltbefüllt sein kann, dass sie sich selbst abhandenkommt.