Es ist nur ein Wort, aber es markiert den Unterschied zwischen gestern und morgen, zwischen angespannter Lage und Eskalation. "Völkermord" heißt dieses Wort, und gleich viermal taucht es in einer Resolution auf, die der Bundestag an diesem Donnerstag verabschieden will. Darin geht es um die Vertreibung und Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch die Türken vor mehr als 100 Jahren. Für Angela Merkel kommt diese Resolution zur Unzeit, sie wird das deutsch-türkische Verhältnis weiter belasten, und das jetzt, da Merkel die Türkei für die Umsetzung ihres Flüchtlingsdeals braucht. Trotzdem kann und will sie die Resolution nicht verhindern, aus Rücksicht auf die Abgeordneten der Union, die den Antrag gemeinsam mit SPD und Grünen eingebracht haben. Und so zeigt dieser Donnerstag auch, wie sehr der Flüchtlingsdeal Merkel außenpolitisch einengt – und welche innenpolitischen Rücksichten sie inzwischen nehmen muss.

Schon 2005 hatte der Bundestag eine Armenien-Resolution verabschiedet, damals vermieden die Parlamentarier jedoch den Begriff des Völkermords. Im April 2015 – zum 100. Jahrestags des Massakers – hatten sowohl Bundespräsident Joachim Gauck wie auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) von "Völkermord" gesprochen. Immer wieder versuchten Parlamentarier aller Parteien seitdem, eine neuerliche Resolution des Bundestags auf den Weg zu bringen – und immer gab es Widerstand des Kanzleramts. Mit einem solchen Antrag sei niemandem gedient, hieß es in Regierungskreisen. Es sei schließlich im deutschen Interesse, mit der Türkei in der Flüchtlingskrise weiter zusammenzuarbeiten.

Der Massenmord während des Ersten Weltkriegs wurde, armenischen Angaben zufolge, systematisch und auf Anordnung des Osmanischen Reiches begangen. Die Türkei bestreitet den Vorwurf des Völkermords und spricht von 300.000 Opfern aufgrund von Kriegshandlungen und Hunger. Auch wenn mittlerweile mehr als 20 Staaten den Genozid beim Namen genannt haben: Sollte jetzt auch Deutschland offiziell von Völkermord sprechen, wäre das für den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan ein Affront.

Im Kanzleramt hatte man lange gehofft, sich im Umgang mit der Türkei Zeit kaufen zu können. Aber das deutsch-türkische Verhältnis ist nicht entspannter geworden, sondern komplizierter. In der Flüchtlingskrise fühlt sich Erdoğan besonders von deutschen Politikern gegängelt und vorgeführt. Er wirft ihnen ein generelles Unbehagen gegen die muslimisch geprägte Türkei vor. Und er kritisiert die Kritik an den türkischen Anti-Terror-Gesetzen: Erdoğan zufolge seien diese Gesetze auch nicht drastischer als die Anti-Terror-Gesetze jener Länder, mit denen die EU bereits Visafreiheit vereinbart habe – etwa Brasilien oder Malaysia. Warum weigere man sich also, der Türkei die Visafreiheit zu gewähren?

Merkel weiß genau, wie gekränkt Erdoğan sich gibt, er hat sie das in vielen persönlichen Begegnungen spüren lassen – zuletzt am Rande des UN-Nothilfegipfels vergangene Woche in Istanbul. Und auch wenn Merkels Leute glauben, dass die Türkei gerade dabei sei, sich in eine Autokratie zu verwandeln: Die Kanzlerin selbst weigert sich, Erdoğan einen Autokraten zu nennen.

Noch nimmt man im Kanzleramt an, dass auch Erdoğan ein Interesse am Flüchtlingsabkommen habe und er den Deal nicht wegen der Armenien-Resolution des Bundestags platzen lasse. Aber kann man sich da sicher sein? Im Vorfeld der Abstimmung haben türkische Organisationen versucht, die Abgeordneten unter Druck zu setzen. Auch der neue türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım kritisierte die Resolution scharf.

So eng der Spielraum Merkels im Umgang mit Erdoğan ist, so entschlossen sind viele Unionsabgeordnete, die Armenien-Resolution zu verabschieden. "Danke Volker #Kauder Bewegung im Bundestag ist möglich: 4Mal 'Völkermord' an Adresse #Erdogan", twitterte der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter vergangene Woche. Da hatte sich Unionsfraktionschef Kauder öffentlich zur Resolution bekannt.

Die Stimmung in der Unionsfraktion ist angespannt wie nie zuvor in der Kanzlerschaft Merkels. Von 41,5 Prozent bei der letzten Bundestagswahl ist die Union auf knapp 30 Prozent Zustimmung gefallen, sie hat mehr Terrain verloren als die SPD. Dazu kommt das Erstarken der AfD. Merkel weiß, dass viele Abgeordnete den Türkei-EU-Deal kritisch sehen. Und sie hat genau registriert, wie viel Beifall Norbert Lammert bekam, als er in einer der jüngsten Fraktionssitzungen sagte, man dürfe die eigenen Werte keinesfalls dem Wohlwollen des türkischen Präsidenten opfern.

Die Kanzlerin wird sich dem Mehrheitswillen der eigenen Leute beugen, wenigstens diesmal. Sie hat sie bereits oft genug überrumpelt.