Der Ärztetag in Hamburg ist gerade vorbei, aber er steckt Frank Ulrich Montgomery noch in den Knochen. Vier Tage lang Debatten, Abstimmungen, Plenarsitzungen mit unendlich vielen Anträgen – und er als Präsident der Bundesärztekammer immer mittendrin, moderierend, organisierend, debattierend. Zum Verschnaufen keine Zeit.

Am Montag danach spurtet Montgomery schon wieder von Termin zu Termin. Und findet doch ein paar Minuten, um über den Streit mit den Asklepios-Kliniken zu sprechen. Wirklich nett ging es noch nie zu zwischen dem eloquenten Radiologen und Hamburgs größtem Klinikbetreiber. Jetzt aber herrscht gewaltiger Ärger.

Auslöser ist eine Warnung, die die Ärztekammer auf dem Ärztetag abgegeben haben soll: Weil die Bedingungen bei Asklepios so schlecht seien, sollten Ärzte dort besser keine Arbeitsverträge abschließen, hieß es in Medien. Eine ganz schön harte Dosis. Aber gab es diese Warnung überhaupt?

Montgomery sagt, die Sache verdiene eine etwas differenziertere Betrachtung. Doch so richtig freundliche Worte über Asklepios findet er auch in diesem Gespräch nicht.

Der Reihe nach: Zu Beginn des Ärztetages hielt Montgomery vergangene Woche seine Eröffnungsrede, eine umfangreiche Ansprache. Es ging um Ärztemangel, die Versorgung von Flüchtlingen und die Reform der Gebührenverordnung. Ein Rundumschlag zu Themen, die die Ärzteschaft bewegen.

Aber vor allem eine Passage traf bei seinen Zuhörern einen Nerv: Montgomerys Worte zur Ökonomisierung in deutschen Krankenhäusern, dem immer stärkeren Zwang zur Wirtschaftlichkeit. Die Hamburger Krankenhäuser hob er dabei besonders hervor.

"Privatisierung allein ist kein Heilsweg", sagte Montgomery. "Das erleben die Mitarbeiter der Hamburger Krankenhäuser gerade am eigenem Leib. Schnelle Managerwechsel, Personalentscheidungen nach Gutsherrenart, Hire-and-fire-Prinzipien in den Chefetagen der Krankenhäuser, Medizin nach Ebitda (einer betriebswirtschaftlichen Kennzahl zur Rentabilität, Anm. d. Red.) – das alles sind Auswüchse einer gewinnorientierten Privatisierung, die wir in Hamburg deutlich spüren." Für manche in der Stadt waren diese Worte nur eine Bestätigung dessen, was sie schon lange vermuten. Gegen den Willen der Bürger wurde der größte Teil der Krankenhäuser von 2004 an schrittweise an den privaten Betreiber Asklepios verkauft. Seither hält sich die Kritik an der Privatisierung hartnäckig. Jetzt ist sie besonders laut zu hören. "Innerhalb kürzester Zeit haben wir mehrere Kündigungen von leitenden Ärzten erlebt, bei denen vieles darauf hindeutet, dass sie ausschließlich ökonomisch motiviert waren", sagt Montgomery im Gespräch mit der ZEIT. "Ein Grund kann da schon sein, dass sie nicht genug Geld mit Privatpatienten erwirtschaftet haben, weil sie in Bereichen tätig waren, in denen strukturell kein Geld zu verdienen war, wie etwa in einer Notaufnahme."

Asklepios wolle um jeden Preis gute Zahlen erreichen, sagt Montgomery, der auch Präsident der Ärztekammer Hamburg ist. "Leute, die da stören, werden dann schon mal aus laufenden Verträgen heraus entfernt. Andere werfen von sich aus das Handtuch."

Bei Asklepios reagiert man erbost auf die Angriffe. "Wir, aber insbesondere auch unsere Chefärzte sind entrüstet über die aus unserer Sicht haltlosen Vorwürfe", sagt Sprecher Rune Hoffmann. "Zu guter Letzt wollen nicht wenige leitende Ärzte ganz gezielt zu Asklepios und kommen initiativ auf uns zu."

Zwei aktuelle Fälle werden von den Kritikern immer wieder genannt: Ende des vergangenen Jahres wurde eine Abteilung für innere Medizin in der Asklepios Klinik St. Georg mit einer anderen zusammengelegt. Ein Chefarzt musste gehen. Eine weiterer Umbau steht gerade bevor: Am Klinikum Nord, Standort Heidberg, soll die Gynäkologie aufgelöst werden. Betroffen sind 16 Mitarbeiter.