Ein Hoch auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung! Bis vor Kurzem noch lief der deutsche Bürger hilflos und beunruhigt umher, denn wie viele gab es doch, die unter einem ominösen Brennen "im Schritt" litten und sich nur mit Eiswasser aus dem Champagnerkübel zu helfen wussten. Seit ein paar Wochen aber hängen die Plakate einer Aufklärungskampagne der Bundeszentrale an Bahnhöfen und Bushaltestellen, und so wissen nun die allermeisten von uns: Eiswasser ist gar nicht der richtige Lösungsansatz! Denn, verehrte Leser (und bitte, fühlen Sie sich durch die folgende Suggestion nicht gekränkt, denn das ist alles nur der Körper, das ist alles nur natürlich, darüber kann überall und jederzeit ohne falsche Scham geredet werden): Sollten auch Sie unter einem chronischen Brennen "im Schritt" leiden, dann müssen Sie – zum Arzt! Wenn man das wie hier so gedruckt liest, erscheint es einem plötzlich merkwürdig plausibel, aber dass der Durchschnittsbürger bei quälendem Brennen "im Schritt" zum Arzt geht, durfte man bis vor Kurzem nicht einfach voraussetzen.

Daher kam die wunderbare "Liebesleben"-Kampagne der Bundeszentrale auch wie gerufen. In lustigen Comics, die das komische Element der Geschlechtskrankheiten nicht zu kurz kommen lassen und mit den bunten Bildchen auch Kinder für ein Thema sensibilisieren dürften, mit dem man sich gar nicht früh genug beschäftigen kann, werden die Bürger und Bürgerinnen nun aufgeklärt über all das Ungemach "im Schritt", dem sie früher so hilflos ausgeliefert waren. So sollte man die besagten Stellen, deren Namen man auf keinen Fall aussprechen darf, auch bei einem Jucken nicht am nächsten Laternenpfahl reiben, so einleuchtend das auch scheinen mag, sondern auch hier heißt es: zum Arzt! Weiter: nicht kratzen, sondern zum Arzt! Nicht die Feuerwehr rufen, sondern zum Arzt! Sprechen Sie es nach: Z-u-m A-r-z-t!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 25 vom 9.6.2016.

"Liebesleben" ist der Nachfolger der bekannten Kampagne "Gib Aids keine Chance". Inzwischen hat Aids zwar immer noch eine Chance, aber es ist vielen nach 30 Jahren Kampagne wohl doch ein bisschen fad geworden, und so wird nun erinnert an all die anderen Geschlechtskrankheiten (das ist ja ein bunter Strauß an Möglichkeiten), die offenbar aus dem kollektiven Gedächtnis zu weichen drohten. Flugs bestellte die Bundeszentrale bei der Kölner Werbeagentur Das Hochhaus jene bunten, informativen Comics, die nun allerorts für Dankbarkeit oder ein kleines, den grauen Alltag auflockerndes Schmunzeln sorgen. Jährlich stehen für diese Aufklärung der ohnmächtigen Deutschen 15 Millionen Euro zur Verfügung. Das beruhigt, weil es zeigt, dass die Regierung die Sorgen der Bürger eben doch kennt und ernst nimmt und sich schließlich auch nicht scheut, bei solch dringenden Aufgaben auch einmal Geld in die Hand zu nehmen.

Kritisch zu betrachten ist an der Kampagne höchstens, dass sie beim Vermitteln der Informationen auch auf das geschriebene Wort setzt, anstatt konsequent auf bunte Bildchen zu vertrauen. Die lobenswerte Einsicht in die geringe geistige Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung wurde hier nicht zu Ende gedacht. In einem Land, in dem auch Erwachsene längst "mein Papa" statt "mein Vater" sagen, sollte das Bedürfnis nach Regression auf allen Ebenen jedem selbstverständlich bewusst sein. Insbesondere der Regierung.