Ja

Kürzlich lief im TV der Oscar-prämierte Film 12 Years a Slave. Er handelt von einem New Yorker Afroamerikaner, der entführt und versklavt wurde. Und je länger man seinem Leben in den Baumwollfeldern der Südstaaten zuschaut, desto mehr fragt man sich: Warum werden die Sklaven da eigentlich unablässig mit der Peitsche zur Arbeit gezwungen? Die Antwort lautet: Wenn die Motivation zu arbeiten gleich null ist, dann muss die maximale Drohung aufgefahren werden: Schmerz, Demütigung, Tod.

Nun ist die Sklaverei in unseren Breiten abgeschafft, aber eine ihr zugrunde liegende Denkweise hat sich durchaus erhalten: Ohne Druck, ohne Drohung und ohne Angst arbeiten die Menschen nicht richtig.

Oder jedenfalls die anderen Menschen.

Für die ganz unten bedeutet das: Wer nicht arbeitet, verarmt und wird obendrein demütigenden bürokratischen Verfahren ausgesetzt. Doch gilt die Logik, dass Angst motiviert, in abgeschwächter Form auch bei den besseren Arbeiten. Repressive Motivation verseucht noch immer weite Teile unserer Arbeitswelt. Dabei zerstört sie mehr an echter Arbeitslust, als sie an grimmiger Motivation produziert.

Doch gibt es eine Möglichkeit, diese ineffiziente, inhumane Idee zum Verschwinden zu bringen: das Grundeinkommen – den Gesellschaftsvertrag wider die Angst bei der Arbeit.

Aber geht das überhaupt? Nun, wir haben es geschafft, die Angst in der Erziehung abzuschaffen (jedenfalls als legitimes Mittel), wieso dann nicht bei der Arbeit?

Aber würden sich dann nicht viele hängen lassen? Gewiss würden sie das, nur tun sie das auch heute schon, sie pfeifen auf die Entwürdigung und schaffen sich eine Welt des kultivierten Elends, sie verwahrlosen einfach trotz aller Drohungen – mitsamt ihren Kindern.

Aber würde man dann noch Leute finden, die die Scheißarbeiten erledigen? Tja, es müsste natürlich viel mehr Fantasie dareingelegt werden, wie man Scheißarbeiten abschafft oder erträglicher macht. Vor allem: Wer vom Staat beispielsweise 1400 Euro im Monat bekommt, dem müsste man schon echtes Geld bieten, damit er jene Arbeiten macht, die keiner will.

Und genau das wäre auch richtig so. Die niedrigsten Arbeiten müssten besser bezahlt werden. Das Grundeinkommen würde den kleinen weißen Teller der Klofrau zum Verschwinden bringen, und wir würden stattdessen alle doppelt so viel fürs Pinkeln zahlen. Allein dafür hätte es sich schon gelohnt.

Und wie teuer wird das alles? Gegenfrage: Gibt es etwas Wertvolleres als die Abwesenheit von Angst?

BERND ULRICH

Leben in der Zukunft - Eine Utopie von Götz Werner: Bedingungsloses Grundeinkommen für alle Götz Werner, Gründer der DM-Drogeriekette, träumt von einer Welt ohne Existenznöte durch das bedingungslose Grundeinkommen.

Mit einer Utopie ist niemandem geholfen

Nein

Das bedingungslose Grundeinkommen ist so eine weltumstürzend-strahlende Vision, dass es piefig wirkt, zu fragen, woher das Geld kommen soll. Aber das ist nun mal das Kernproblem dieser Utopie: Sie lässt sich, so wie sich die Befürworter das erträumen, nicht finanzieren. Und ohne Finanzierung kein Grundeinkommen.

Manche sagen: Unsere Arbeit werden bald ohnehin die Roboter machen. Sie nehmen uns sowieso die Jobs weg. Das hat mit der Realität bisher wenig zu tun. Gerade in hoch entwickelten Volkswirtschaften wie der Schweiz oder Deutschland herrscht fast Vollbeschäftigung. Das heißt: Unser Wohlstand basiert noch immer zuallererst auf menschlicher Arbeit.

Andere sagen: Die Menschen werden weiterhin arbeiten, auch ohne Druck. Das bedingungslose Grundeinkommen wird sie nicht faul machen, sondern produktiver und kreativer. Weil jeder nur noch tut, was er tun will, und nicht, was er tun muss. Mag sein, dass sich viele eine sinnstiftende Aufgabe suchen werden. Aber hilft das, einen Staat zu finanzieren? Schreibe ich beispielsweise ein Buch, das mir Erfüllung bringt, aber keinen Verlag findet, dann nützt es wenig. Es gibt keinen Lohn, von dem der Staat etwas abziehen, und kein Produkt, auf das er Mehrwertsteuer erheben kann. Je mehr das Grundeinkommen die Menschen von schnöder Erwerbsarbeit befreit, desto stärker untergräbt es seine eigene Finanzierung.

Wieder andere meinen: Wir schaffen einfach den alten Sozialstaat ab. Dann haben wir genug Geld und ersparen uns zugleich Bürokratie, Schnüffelei und Gängelung. Jeder bekommt einen festen Betrag, und fertig. Das ist so etwas wie die Bierdeckel-Version eines Sozialstaats. Würde diese Version Wirklichkeit werden, wären viele schnell enttäuscht. Gerechtigkeit ist nie einfach. Schon bei Hartz IV glaubte man, mit einer Pauschale ließe sich alles regeln. Doch längst existieren zahllose Ausnahmen. Für Arbeitslose, die behindert sind, die besonderes Essen brauchen oder die einen Umzug bezahlen müssen. Nach dem individuellen Bedarf richtet sich auch die Pflegekasse, wenn sie Geld für den Umbau einer Wohnung gibt, und die Arbeitsagentur, wenn sie eine Umschulung zum Fachinformatiker finanziert. Die unterschiedlichen Bedürfnisse des Einzelnen lassen sich nicht mit einem Dauerauftrag für alle erledigen. Das erklärt auch, warum der moderne Sozialstaat oft kompliziert ist.

Wer diesen Staat besser machen will, sollte für konkrete Änderungen kämpfen, bei der Rente, Hartz IV, dem Mindestlohn. Mit einer Utopie ist niemandem geholfen.

KOLJA RUDZIO

Finanzen - Kurz erklärt: Was bedeutet Bedingungsloses Grundeinkommen? Die Idee, dass jeder Bürger, unabhängig von Vorleistungen, eine bestimmte Summe Geld erhält, wird extrem kontrovers diskutiert. Im Oktober 2014 haben wir das Konzept des BGE zusammen mit explainity erklärt.