Vor wenigen Tagen verkündete Leander Haußmann, er wolle sich vom Theater zurückziehen – aus Protest gegen den kommenden Einzug der Eventtechnokraten und Festivalintendanten an den Berliner Bühnen. Haußmann ist Fahrensmann von Claus Peymann, ein langjähriger Regisseur am Berliner Ensemble. Jetzt verabschiedete er sich mit einer Inszenierung der Schillerschen Räuber: Es wurde ein ziemlich unterhaltsamer Abend, getragen von Spielfreude und überschießendem Rambazamba. Kunstblut floss, Augen rollten und Leichname. Die Lieder dröhnten, bis sich im Saal die Patina ablöste, kurz: Schon bald wird man ein solches Theater vermissen, weil es tatsächlich von irgendwo aus Berlin hervorbricht und nicht aus dem offiziellen Selbstbild der Kulturmetropole abgeleitet wird.

Bekanntlich tut sich Haußmann schwer mit Aktualisierungen und Textinterpretation und Feuilleton, mit all den Sinnhubereien, die sich über seine Spiele zu legen drohen wie alte Teppiche. Und natürlich deutet dieser Regisseur nach Kräften. Er baut einen Pop-Rahmen mit obligatem Musikprogramm, die Umrandung ist lustig, ja grotesk, aber in ihr ereignet sich das Fürchterlichste. Matthias Mosbach als Franz Moor ist der Held des Abends. Mosbach beherrscht den ersten, den besseren Teil, es ist eine dichte Sequenz über einen verhunzten, erfolglosen Ödipus. Dieser Franz, einst Kanaille, Wurm und Scheusal, bringt es hier nur noch zum puerilen Fiesling, zum ängstlichen, egozentrischen Manipulator, zum Schweinchen, wie man es aus dem eigenen Leben so kennt.

Der Regisseur richtet seine Räuber gleichsam an der Achse von Schillers "Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert" aus. Damit dürfen sich beide Brüder gemeint fühlen. Die Räuber im Wald sind ichschwache Pseudorebellen, ein Dackelrudel, Tischwummerer und Poser mit Hipsterbart. Karl Moor, einst tragischer Held, bringt es hier, gespielt von Felix Tittel, nur noch zum beziehungsunfähigen Depri und leeren Quatscher. So zerstört sich in den ersten beiden Akten eine Lebensordnung durch Schwäche. Und weil der Regisseur auch nichts Starkes dagegen aufbietet, muss er im Rest des Stückes vorführen, dass sich mit solchen Charakteren auch keine Ordnung mehr aufrichten lässt. Das ist nur noch Zerfall und Guignol. Selbst wenn Haußmann hier rafft und Szenen parallel spielen lässt, entkommt er den Längen, die schon Schiller verantwortete, nicht ganz.

Dabei – und das gehört zu den Vorzügen dieser Inszenierung – lässt Haußmann seine Darsteller mit Schillers verquerer Sturm-und-Drang-Sprache ringen, mit diesem künstlichen Stark-Deutsch. Kaum Striche im Text, kaum Glättungen – der Kampf mit dieser Diktion ist die eigentliche Energieleistung des Abends. Sie erbringen die jungen Schauspieler, und die Sprachdisziplin verhindert auch, dass dieses Räuberspiel am Ende aus dem Ruder läuft.

Antonia Bill als Amalia gelingt das am besten, sie verfügt über echte Bühnenpräsenz. Doch leider sah Haußmann nicht vor, dass sich die einzige Frauenrolle in diesem Stück zum Widerpart des puerilen Syndroms entwickelte. So muss Amalia die immer wieder und wieder Betrogene mimen, das Gänseblümchen unter den Frischlingen – nicht heiter, diese Figur, aber auch nicht so, dass dem Zuschauer über ihr Schicksal die Haare zu Berge stünden. Szenenapplaus vor der Pause, am Ende viel Sympathien für die Akteure des Berliner Ensembles.

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