Das große Drama, auf das sich Hillary Clinton gefreut hatte, handelte von einer gespaltenen Republikanischen Partei, deren Irrsinn sie, die gegnerische Kandidatin, ins Weiße Haus katapultieren würde. So klar verteilt schienen die Rollen, dass Clinton sich nur auf eine richtig vorbereitet hatte: auf die der Siegerin. Dass die gespaltene Partei die Demokraten selbst werden könnten und der Sieger womöglich Donald Trump heißen könnte, schien undenkbar. Bis im Mai diese Zahlen auftauchten:

62 Prozent der Wähler von Clintons parteiinternem linken Rivalen Bernie Sanders haben ein negatives Bild von der Ex-Außenministerin. 44 Prozent von Sanders’ Wählern in West Virginia würden sogar eher für Trump statt für Clinton stimmen, falls Sanders nicht Kandidat der Demokraten wird. Clintons ehemals großer Vorsprung gegen Donald Trump beträgt laut neuen Umfragen nur noch zwei bis vier Prozent.

Wessen Schuld ist das? Die einfache Antwort lautet: die von Bernie Sanders. Clinton hat mit ihrem abgeklärten Wahlkampf des Machbaren in den Vorwahlen bislang 768 Delegierte mehr als Sanders gewonnen, der für ein radikal linkes Programm wirbt, das die enorme Ungleichheit in Amerika bekämpfen will. Den Vorsprung kann er eigentlich nicht mehr aufholen. Je länger er dennoch gegen Clinton kämpft, desto mehr Schaden fügt er ihr und seiner Partei zu. Warum macht er das also? Auch darauf gibt es klare Antworten: Bernie Sanders will seine Chance gegen das Establishment – und das Partei-Establishment könnte ihm dafür noch dankbar sein. Dann nämlich, wenn der bisherigen Favoritin Clinton eine alte, schwelende Affäre zum Verhängnis werden sollte.

Sanders macht weiter, weil er Wahlkampf einfach richtig gut kann und weil er die Macht genießt, die ihm dieses Talent verschafft. Er beherrscht im Gegensatz zu Clinton auch die medialen Zaubertricks, die dieser außergewöhnliche Wahlkampf erfordert. Den bislang letzten dieser Tricks hat er erst vergangene Woche vorgeführt.

Nachdem Clinton Sanders’ Einladung zu einer Fernsehdebatte etwas hochnäsig ablehnte, lässt der die Einladung kurzerhand von einem TV-Moderator vor Millionenpublikum an Donald Trump überbringen. Mit einer Fernsehdebatte zwischen ihm und Trump hätte Sanders die Mitbewerberin Clinton mal eben von der Bühne gezaubert. Es war ein spektakulärer Trick, mit dem er drei Tage lang die Medien dominierte. Und als Trump die Einladung nach anfänglicher Zusage am Ende doch zurücknahm, konnte Sanders sagen: Ach, hat der starke Trump etwa Angst vor mir? Während Clinton – streng nach ihrer einstudierten Rolle der Siegerin – Trump wegen unveröffentlichter Steuererklärungen kritisierte, hatte Sanders Trump in eine Maus verwandelt.

Sanders’ Ambitionen sind außerdem von seinem Gefühl befeuert, von Anfang an von seiner Partei unfair behandelt worden zu sein. Die Partei hatte ihre wenigen internen TV-Debatten auf Wochenenden gelegt, an denen die Amerikaner in den Ferien waren oder Super Bowl guckten. In einigen Vorwahlen durften zudem nur registrierte Demokraten wählen. Sanders’ Wähler sind jedoch vor allem viele Parteilose. All das waren unnötige Spielchen der Partei, die weniger die Wahlergebnisse geändert als vielmehr Sanders’ Trotz angestachelt haben dürften. Eine weitere Ungerechtigkeit, die Sanders anprangert, ist die hohe Anzahl sogenannter Superdelegierter. Das sind Delegierte, die unabhängig von Wahlergebnissen in einzelnen Staaten von der Partei ernannt werden, Kongressabgeordnete etwa oder ehemalige Präsidenten. Die Partei will auf diese Weise sichergehen, dass ein Kandidat nicht nur Wahlkampf kann, sondern auch regieren, oder, anders gesagt: dass das Establishment sich selbst schützt. Superdelegierte stellen immerhin 20 Prozent der Delegierten. 541 von ihnen haben sich für Clinton ausgesprochen, für Sanders nur 43.

Das mag Sanders unfair finden. Es ändert allerdings nichts daran, dass Clinton bislang einfach drei Millionen Wählerstimmen mehr aufbieten kann als Sanders. Die Superdelegierten stehen daher nicht nur für die Meinung der Partei, sondern auch für die Mehrheit der Wähler. Das Problem für Clinton ist bloß, dass sie nicht nur die Mehrheit gegen Sanders braucht, sondern die Mehrheit gegen Trump. Und dafür braucht sie Sanders’ Minderheit.

Die will er ihr jedoch nicht geben. Denn Sanders hofft auf eine Wende, die schon Barack Obama geschafft hat. Sanders glaubt, dass er bei den wenigen verbleibenden Vorwahlen vor dem Parteitag Ende Juli, auf dem die Demokraten ihren Präsidentschaftskandidaten küren werden, noch ausreichend Wählerstimmen gewinnen wird, um Clintons Superdelegierte ins Grübeln zu bringen. Hat sie es wirklich drauf gegen Trump? Bis zum Parteitag können sie sich noch umentscheiden (Obama war das erheblich früher gelungen). Denn immerhin: Umfragen sagen momentan einen zehnprozentigen Vorsprung von Sanders gegen Trump voraus, sollten die beiden gegeneinander antreten.