In Borneo dauert es nur Minuten, bis die Nacht den Tag ablöst, und erst wenn die Dunkelheit das Licht vertrieben hat, kommen die heimlichen Gestalten des Waldes aus ihren Verstecken. Es sind die Räuber, die durchs Dickicht schleichen, ihr Zuhause sind die Regenwälder, jene Berg- und Tiefland-, Mangroven- und Sumpfregenwälder auf der drittgrößten Insel des Planeten. Wie leben diese Geister der Nacht, und wer sind sie? Das ist ein Rätsel. Für die Einheimischen, die nachts lieber in ihren Dörfern bleiben. Und für die Forscher, die versuchen, den Phantomen der Finsternis ihre Geheimnisse zu entlocken.

Borneos Raubtieren widmet die Fachzeitschrift Raffles Bulletin of Zoology nun eine Sonderausgabe – die erste umfassende Wissenssammlung ihrer Art. Fünf Jahre lang haben über 60 Autoren mitgeschrieben.

Einer der Hauptautoren ist Andreas Wilting. Er gehört zu den wenigen Menschen, denen sich die Phantome schon gezeigt haben. An eine Begegnung von vor acht Jahren erinnert sich der Biologe des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin noch genau. Wilting war mit einem Pick-up-Truck im Waldgebiet Deramakot im Norden der Insel unterwegs. Mit einem Scheinwerfer suchte er die schwarzen Äste ab. Plumploris, kleine Affen, schauten ihn empört aus ihren riesigen Augen an, und Malaien-Gleitflieger huschten erschreckt aus dem Lichtkegel. Auf einmal starrte ein grellgelbes Augenpaar aus der Schwärze zurück, die Augen einer Marmorkatze. Sie war nur wenig größer als eine Hauskatze, mit großen, unregelmäßigen Flecken auf dem gelbbraunen Fell. Neugierig kam der kleine Räuber näher und schaute sich dabei immer wieder um. "Langsam und unglaublich elegant ist die Katze dann den Stamm senkrecht hinuntergelaufen", erinnert sich Wilting. "Nicht rückwärts, sondern kopfüber! Das können nur drei Katzenarten auf der Welt."

25 bekannte Raubtierarten leben heute im Schatten der Baumkronen Borneos – neben Borneo-Goldkatzen Schlichtroller und Borneo-Sonnendachse. Diese drei Arten gibt es ausschließlich hier. Die Insel ist doppelt so groß wie Deutschland. Malaysia, das Königreich Brunei und Indonesien haben sie unter sich aufgeteilt. Und Borneo verändert sich rasend schnell. Das hat Konsequenzen: Als gefährdet eingestuft ist schon mehr als die Hälfte der Raubtiere.

Einer der Autoren der Sonderausgabe ist der malaiische Zoologe John Mathai, der am IZW arbeitet. Mathai erforscht den Schlichtroller. Diese Schleichkatze kommt nur in den Bergen Nordborneos vor und wurde 1997 erstmals lebend gefangen. Zwischen ihren Zehen wachsen angedeutete Schwimmhäute, womöglich weil sie in den Gebirgsbächen nach Fröschen jagt. "Wir wissen so wenig", sagt Mathai über sein Studienobjekt, "wir haben keine Ahnung, welchen Lebensraum sie bevorzugt, was sie frisst oder wovon sie bedroht ist." Eins fürchtet er aber: dass der Bergregenwald im Klimawandel zur Falle für die geheimnisvollen Schlichtroller wird. "Sie sind stark an diesen Lebensraum angepasst. Wenn sich die Regenfälle verschieben, die Temperaturen steigen und sich die Vegetation verändert, wohin sollen sie dann ziehen? Viel höher hinauf geht’s nicht."

Das wichtigste Werkzeug der 60 Zoologen hat einen Selbstauslöser: eine automatische Kamera ("Fotofalle"), die im Dschungel zurückgelassen wird. Für menschliche Fotografen wäre es unmöglich gewesen, eine solche Fülle scheuer Räuber festzuhalten. Das rote Nacktfußwiesel etwa, das wie ein Feuerschweif über den Blätterboden flitzt. Die Malaiische Zibetkatze, deren geflecktes Fell sie vor dem Laub des Regenwaldes fast unsichtbar werden lässt. Oder die Otterzivette, deren Augen durch das Blitzlicht der Kamera wirken, als wären sie mit Lava gefüllt.

Wozu die exklusiven Schnappschüsse?

Wozu die exklusiven Schnappschüsse? Die Autoren wollen die Basis für einen faktenbasierten Naturschutz legen. "Wenn wir die Raubtiere der Insel schützen wollen, müssen wir die wichtigsten Gebiete kennen, also jene, in denen die Artendichte am höchsten ist", sagt die Schweizerin Christina Breitenmoser, die die Sonderausgabe von Raffles Bulletin of Zoology mit herausgegeben hat. Zwölf Regionen nennt die Publikation, nur rund 35 Prozent dieser Flächen sind bislang geschützt. "Wir können jetzt priorisieren. Nicht alle Arten sind gleich stark bedroht. Um die Bestände von Fleckenmusang, Bengalkatze und Malaiischer Zibetkatze müssen wir uns im Moment keine Sorgen machen", sagt Wilting.

Die Autoren verlangen Korridore, um die verschiedenen Lebensräume miteinander zu verbinden. Sie fordern, dass geltendes Recht auch durchgesetzt wird, und plädieren angesichts von Bergbau-, Palmöl- und Holzfirmen für Zusammenarbeit. Tatsächlich sind diese drei Industrien der Hauptgrund für den rapiden Wandel im einstigen Waldmeer Borneo. Kein Land der Erde rodet seinen Regenwald so rücksichtslos wie Indonesien. Der Großteil des weltweit gefragten Palmöls kommt von hier. Im Moment verliert die Insel in einem Jahr rund eine Million Hektar Wald, mehr als zwölfmal das Stadtgebiet Hamburgs, wie Umweltschützer von Global Forest Watch protokolliert haben. Im Schlepptau der Holzfäller, die Straßen anlegen und Camps errichten, kommen die Wilderer. Sonnenbären werden wegen ihrer Gallenblase (fernöstliche Medizin!) gejagt, Nebelparder wegen ihres Fells (Mode!). Dass die Polizei Jäger oder Händler verhaftet, dass die Justiz sie verurteilt, kommt selten vor.

Wai-Ming Wong, der für die Artenschutzorganisation Panthera in New York arbeitet und viel Felderfahrung in Südostasien hat, lobt die Arbeit der Fotofallensteller: "Ihre Schlussfolgerungen sind absolut richtig, und man kann sie für Raubtiere auf der ganzen Welt anwenden", sagt der Biologe. "Die Ressourcen, die für den Naturschutz bereitstehen, sind extrem beschränkt. Daher ist es entscheidend, dass wir die prioritären Lebensräume identifizieren, um sie mit den richtigen Methoden zu schützen."

Ein streng geschützter Nationalpark ist dafür nicht zwangsläufig nötig. Das wäre ohnehin meist unrealistisch. Die Zukunft von Borneos Wäldern hängt davon ab, ob zwischen Nutzen und Bewahren eine Balance gefunden wird. Der malaiische Forscher John Mathai nennt das Beispiel Holzfällen: "Wenn sie es konventionell machen, rücken sie mit Bulldozern an und machen alles platt. Das ist eine Katastrophe. Viele Bergbaufirmen arbeiten sehr sorglos mit Chemikalien. Das vergiftet die Umwelt. Und für Palmölplantagen fällen sie alles und pflanzen Bäume einer einzigen Art. Auch schlecht. Aber es gibt für jeden Bereich viel bessere, viel nachhaltigere Methoden. Die müssen angewendet werden." Würden einzelne Bäume in einem Wald umsichtig gefällt, könne dieser auch in Jahrhunderten noch genutzt werden. Gleichzeitig könnte er ein heimeliges Dunkel bieten, das Otterzivetten, Stinkdachse, Flachkopfkatzen und all die heimlichen Räuber dem Licht vorziehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio