Es war an einem Montag im Mai, morgens um halb acht, da blockierten Dutzende von Botschafterlimousinen die Straßen vor dem British Museum in Bloomsbury. Premierminister Cameron hatte die Vertreter von Großbritanniens engsten Partnern zu einem Minigipfel eingeladen. Und dort tat er, was er bisher vermieden hatte, was aber die gesamte britische Öffentlichkeit derzeit kennzeichnet: Er sprach über Europa und wurde emotional, um nicht zu sagen: hysterisch.

David Cameron hat das uralte britische Gezeter um das Verhältnis zur EU wiederholt politisch für sich ausgespielt. Noch Anfang des Jahres hatte er in Brüssel gedroht, die Austrittsbewegung höchstpersönlich anzuführen, wenn Großbritannien nicht noch mehr Sonderrechte erhalte. Nach einigen Zugeständnissen der EU-Partner wurde er schnell wieder zum Proeuropäer. Aber möglicherweise zu spät, denn wie es aussieht, schicken sich die Briten tatsächlich an, am 23. Juni für den Austritt aus der Europäischen Union zu stimmen.

In seiner Rede vor den Verbündeten warnte der Premierminister vor den apokalyptischen Folgen eines Brexit. Er erinnerte an die britischen Weltkriegsgräber. Beschrieb sie als "schweigenden Beleg" für den hohen Einsatz der Briten für die Wiederherstellung von Frieden in Europa. Was könnte nach einem Brexit nicht alles passieren? "Können wir ganz sicher sein, dass Frieden und Stabilität auf unserem Kontinent dann noch gesichert sind? Ich wäre da vorsichtig."

Wenn der britische Premierminister gegenüber Top-Diplomaten allen Ernstes vor dem Dritten Weltkrieg warnt, dann ist klar, auf welcher Ebene die Diskussion um den Austritt unterdessen geführt wird. Hier herrscht kollektive Hysterie. Auf diesem Terrain hilft nur noch Sigmund Freud. Welchem Trauma begegnen die Briten derzeit, wenn sie an Europa denken? Ein Termin bei der Psychoanalytikerin Susie Orbach soll Klärung bringen.

Aus dem Fenster ihrer Praxis im Londoner Stadtteil Belsize Park schaut man auf Baumwipfel, dahinter das Haus von Sigmund Freud. Dort hatte der Urvater der Psychoanalyse nach seiner Flucht aus Wien seine berühmte Couch aufgestellt. Ein paar Straßen weiter steht seit mehr als dreißig Jahren Susie Orbachs Couch, cremefarben, aus weichem Rindsleder. Mit ihrer charakteristisch zerzausten Frisur wirkt die 69-jährige Orbach wie ein Mensch, dem man alles anvertrauen kann, und das tut die britische Prominenz in Scharen. Einst suchte sogar Lady Diana den Rat von Orbach. Und als Kolumnistin und Autorin analysiert sie die britische Gesellschaft auch öffentlich.

Die Briten reagieren panisch, wütend, aggressiv. "Realangst" nannte das Freud

Zu Beginn ihrer Analyse nimmt sie sich ein Zitat von Justizminister Michael Gove vor: "Wenn die Türkei erst EU-Mitglied geworden ist, können wir nur tatenlos zusehen, wie sich Millionen von Wanderarbeitern hier niederlassen, um unser großzügiges Sozialsystem auszunutzen", warnte er kürzlich. In Wahrheit könnte Großbritannien den türkischen Beitritt durch ein Veto in Brüssel verhindern. Gove, ehemals bekannter Journalist, dann politischer Senkrechtstarter, tritt als Partisanenführer im Freiheitskampf gegen "die Diktatoren in der EU-Kommission" auf, wie er selbst sagt. In der EU zu bleiben bedeute nichts anderes, "als sich dem Schicksal einer Geisel zu fügen, die im Kofferraum eines Autos liegt und weder Tempo noch Route, noch Zielort mitbestimmen kann".

Orbach definiert die Symptome so: "Flucht, Panik, Wut und Aggression, das sind instinktive Reaktionen in einer akuten Gefahrensituation", erklärt sie. In der Freudschen Denkschule ist das die sogenannte Realangst.