Betrachten wir die Ausraster der jüngeren Vergangenheit – Böhmermanns Erdoğan-Schmähung, Gaulands Boateng-Verachtung, Wagenknechts Schokogesicht –, so müssen wir feststellen, dass die politische Beleidigung so sehr auf die Ziege gekommen ist, dass sie selbst dem unerwünschten Nachbarn gewaltig auf die Torte geht.

Sehnsüchtig blicken wir zurück auf den legendären Herbert Wehner, SPD-Fraktionsvorsitzender unter den Kanzlern Brandt und Schmidt, einen Großmeister der politischen Beleidigung. Den Abgeordneten Wohlrabe nannte er "Übelkrähe"; dem Parlamentspräsidenten, der seinen "Lümmel" mit einer Rüge versehen hatte, huldigte er mit einem "Schönen Dank, Herr Präsident, dass Sie aufgewacht sind"; auf die Ankündigung seines CDU-Widerparts Rainer Barzel, er wolle "keinen Pappkameraden aufbauen", entgegnete er: "Sie sind ja selbst einer." Wie viel kreativer ist doch die Spontanbeleidigung im Vergleich zum auf Skandal getrimmten, durchgeplanten Schmähgedicht. Und wie viel treffender.

Unvergessen ist natürlich auch das herzerfrischende "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch", bei dem der junge Joschka Fischer in seiner Klage wider den Vize-Chef des Bundestages, Richard Stücklen, sein Selbstverständnis als letzter echter Rock ’n’ Roller ("Arschloch") mit der vorweggenommenen Verbürgerlichung der Grünen ("Mit Verlaub") nachhaltig verband. Alexander Gaulands dreifach nachgestolperte Korrektur seiner selbst wirkt im Vergleich zur Komplexität dieser derben Eleganz peinlich schlicht – vor allem, wenn man bedenkt, dass sich Gauland für den letzten konservativen Intellektuellen hält.

In der Kulturgeschichte der politischen Beleidigung setzte der Liedermacher Wolf Biermann seine Marke, als er bei der Feier zum 25 Jahrestag des Mauerfalls im Bundestag den "elenden Rest dessen, was zum Glück überwunden ist", als "Drachenbrut" bezeichnete. Die gesamte Fraktion der Linken – und nicht nur Sahra Wagenknecht – war besudelt, ohne dass dafür ein einziges Stückchen Torte dran glauben musste. Nachbarn, daran erinnerte sich der DDR-Dissident wohl, waren halt immer schon mehr als nur die Leute von nebenan.