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Nichts ist einfacher, als die Schuld für die hereinbrechende Krise der Demokratie bei denen zu suchen, die von dieser Krise profitieren, bei Trump, Le Pen, Putin, Petry, Hofer oder Orbán. Doch dass Leute wie sie vom sinkenden Vertrauen in die Demokratie profitieren können, das ist vor allem ein Symptom, ein Krankheitszeichen. Die Ursachen für die derzeitige Lust am Abriss liegen tiefer.

Die Vorstellung, die Demokratie habe auch über die letzte, vermeintlich modernste Variante der Freiheitsvergessenheit – den Kommunismus – gesiegt, war eine Täuschung. Die Versuchung des Autoritären ist noch am Leben, sie hat seit 1990 nur ihre Gestalt verändert.

Heute ist es nicht mehr ein antikapitalistisches Glaubenssystem, das die Demokratie herausfordert. Es ist vielmehr die vertrauenszersetzende Bezichtigung, dass die Demokratie selbst zu einem Glaubenssystem geworden sei, zu einer Art arroganter Religion, die niemandem Rechenschaft abzulegen habe. Diesen Verdacht zu nähren, darin besteht die stillschweigende Übereinkunft zwischen all jenen, die gerade von Schweden bis Ungarn breite Wählerschichten mobilisieren. Der eine Satz, den sie alle unterschreiben würden, lautet: Wir haben die Sache mit der Demokratie und dem Liberalismus zu weit getrieben.

Wer sich gegen diese neue Bewegung wehren will, kann ihr nicht einfach das Etikett "Rechtspopulismus" ankleben. Er muss sich vielmehr der unbequemen Frage stellen, inwieweit Skepsis gegen den heutigen Zustand der Demokratie begründet ist. Wenn das Erfolgsrezept der Untergangsschreier darin besteht, die Feststellung objektiven Reparaturbedarfs mit Systemhass zu mischen, dann besteht das beste Gegenmittel darin, beides wieder zu trennen. Also: Was ist purer Hass, und wo besteht tatsächlich Reparaturstau?

An drei Stellen, und zwar dort, wo die Demokratie ihre eigenen Versprechungen nicht mehr halten kann: Demokratie heißt nicht mehr automatisch wachsender Wohlstand; Repräsentation heißt nicht mehr automatisch, sich vertreten zu fühlen; und gewählt zu sein heißt nicht mehr automatisch, selbst eine Wahl zu haben.

1. Demokratie und Wohlstand fallen auseinander

Europäer und Amerikaner waren es seit 1945 gewohnt, dass Demokratie und wachsender Lebensstandard zusammengehörten. Diese Gewissheit ist spätestens seit der globalen Finanzkrise dahin. Überall im Westen geht das Wachstum zurück; grob gesagt seit Mitte der nuller Jahre um zwei Drittel. Was bedeutet das für die Demokratie, wie wir sie kennen? Kann sie womöglich nur unter den Bedingungen sich beschleunigenden Wachstums blühen, wie man es von Nachkriegsperioden kennt? Nicht zwangsläufig. Aber sicher ist, dass die Demokratie immer dann ins Schwanken geriet, wenn sie Wohlstandsrisiken managen musste. In Deutschland überlebte sie die Krisen der 1930er Jahre nicht.

1933 mit 2016 zu vergleichen ist sicherlich übertrieben. Der "Black Friday" von 1929 löste eine Massenverelendung aus, die mit den Folgen des Lehman-Crashs 2008 wenig zu tun hat. Subjektiv aber bricht heute das Wachstum in einem Moment ein, in dem die Mehrzahl der Bürger so wie nie zuvor daran gewöhnt ist, dass ihre Bedürfnisse immer schneller und immer billiger befriedigt werden. Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen über so viele Generationen hinweg so hohe Wohlstandserwartungen aufgebaut, noch nie waren sie so wenig verzichtsgewohnt wie heute. Verlust-Aversion nennt die Wirtschaftspsychologie die exponentiell mit dem Besitz wachsende Angst vor Einbußen.

Gewachsener Wohlstand führt daher zu einer umso größeren Erwartung an die Politik, diesen Wohlstand zu schützen. Und diese Erwartung löst die Politik nur noch unzureichend ein. In Deutschland oder den Vereinigten Staaten gibt es heute – anders als im wesentlich härter getroffenen Südeuropa – zwar nicht weniger Jobs als vor zehn Jahren. Aber es gibt deutlich mehr unsichere Arbeitsverhältnisse.

Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem Demokratie das Gefühl von Sicherheit immer weniger garantieren kann, scheinen autoritäre Staaten wie China, Russland oder die Türkei zu beweisen, dass es auch anders geht. "Demokratie ist gut, aber ich hoffe, ich kriege sie nicht so schnell zu sehen", zitierte vor wenigen Tagen der chinesische Journalist Murong Xuecun in der New York Times einen seiner Freunde, der zwar keine Sympathie für den Einparteienstaat hegt, aber einstweilen sehr zufrieden ist mit seinem Job, seinem Einkommen und seinem luxuriösen Apartment.

Natürlich, diese Länder sind seit 1990 von einem niedrigeren Wohlstandsniveau aus ins Rennen gegangen und leiden ebenfalls unter der globalen Wachstumsschwäche. Aber von dem langsamer wachsenden Wohlstandskuchen der Welt behält ein Land wie China (mit derzeit immerhin noch 6 Prozent Wachstum, Deutschland: 2 Prozent) momentan die größten Stücke; und die meisten Russen sind Putin – trotz der Wirtschaftssanktionen – dankbar dafür, dass er das Chaos der neunziger Jahre beseitigt hat, als es zeitweise nicht einmal Klopapier in den Supermärkten gab.