Nur wenige Künstler haben bis in die Gegenwart hinein eine solche Vielzahl unterschiedlicher Kommentare und Reaktionen hervorgerufen wie der französische Maler Édouard Manet (1832 bis 1883). Einer formalistischen Lesart, die in Manet bereits den Vorboten der gegenstandslosen Malerei erkennen wollte, folgten sozialhistorische und wahrnehmungsgeschichtliche Deutungen, und auch außerhalb der Kunstgeschichte haben Denker wie Georges Bataille, Michel Foucault oder Pierre Bourdieu diesem Maler eigene Schriften gewidmet. Seit der großen Pariser Retrospektive 1983 wurden immer wieder Einzelaspekte dieses Œuvres thematisiert. Welche neue Sicht auf Manet erprobt man nun also in Hamburg?

Eine eigentliche Grundidee verfolgt diese Ausstellung nicht. Dass uns auf den Bildern Manets "der Blick der Moderne" begegnet, gehört zu den Binsenweisheiten der Kunstgeschichte, und es fragt sich, wie zeitgemäß es ist, das Mantra der ewig innovativen Moderne noch ein weiteres Mal zu wiederholen. Mit dem "Sehen" und der "Regie des Blicks", dem zweiten Themenschwerpunkt der Ausstellung, ist ohne Zweifel ein zentrales Motiv der Gemälde angesprochen, aber in dieser Allgemeinheit formuliert, ließe sich wohl kaum ein anspruchsvoller Maler nennen, für den das Wechselverhältnis zwischen dem Blick des Betrachters und dem Blick des Bildes kein Thema gewesen wäre. Wer hierzu Genaueres erfahren möchte, sollte die lesenswerten Beiträge des Katalogs hinzunehmen. Doch vielleicht braucht es auch gar nicht unbedingt eine originelle These. Allein so viele Gemälde Manets im Original zu sehen ist ein Glücksfall!

In Hamburg lassen sich dank zahlreicher Leihgaben noch einmal die Besonderheiten dieser Malerei in Augenschein nehmen: die Ausschaltung der Tiefendimension, mit der er seine Figuren im Maskenball in der Oper (1873) wie auf einem Fries organisiert. Die Porträts, die dem Betrachter– nach einer treffenden Formulierung Georges Batailles – mit "aktiver Indifferenz" begegnen. Oder die eigentümliche Fragilität, die Manet seinen Modellen verleiht, indem er sie in eine gemalte Leere versetzt, als müssten sie ihren Ort in der Welt erst noch finden. Zu diesen Modellen gehört das lebensgroße Porträt des Sängers Jean-Baptiste Faure als Hamlet. In einer glücklichen Zusammenstellung ist es in Hamburg an der Seite einer Vorstudie in Pastell zu sehen, in der Manet dem Hamlet noch schemenhaft den Geist des toten Vaters zugesellt. Auf dem fertigen Bild ist das Gegenüber verschwunden, und Faure erscheint beziehungslos in einen undefinierbaren Raum gestellt, den somnambulen Blick in die Ferne gerichtet. Mit dem unschlüssig in der gesenkten Hand gehaltenen Degen und dem überdimensionierten Umhang über dem Arm gibt dieser Sänger ein berührendes Bild der Uneigentlichkeit ab.

Im Schatten der großen Gemälde sind in Hamburg auch Manets Druckgrafik sowie einige wenig bekannte Gemälde neu zu entdecken – das Bildnis des japanischen Hundes Tama etwa, dessen Name Manet in goldenen Lettern mit ins Bild setzt, oder das aus einer Privatsammlung stammende Porträt Frau mit Hunden, das den Betrachter gleich dreifach mit undurchdringlichen Blicken adressiert: dem menschlichen Blick der Frau und dem animalischen Blick der Hunde, die an der Schwelle den Zugang zum Bild besetzen und uns entgegenschauen.

Tausche Automatenfoto meiner Augen!

Das Glück solcher Entdeckungen bleibt allerdings nicht ganz ungetrübt. Denn einmal mehr inszeniert das Museum ein Großspektakel, eine "Ausstellung der Superlative", wie es in Hamburg heißt. In den ersten Tagen nach der Eröffnung sah man Manet durch ein "Zeitfenster" – so lautet die Dauer, die angesichts des nachrückenden Besucherstroms zur Betrachtung der Bilder eingeräumt war. Hinzu kommt eine unbekümmerte Museumsdidaktik, die Animateure in historisierenden Kostümen vor den Bildern Dialoge deklamieren lässt und von den Bildern eher ablenkt, als Aufmerksamkeit zu erzeugen. Im "Raum für Augenblicke" kann der Museumsbesucher durch den Einwurf einer 1-Euro-Münze ein Automatenfoto seines Augenpaars erstellen und es mit Fotos anderer Besucher tauschen. Der Raum verspricht ein "Augenöffnen für das Sehen von Manet", doch steht die Inszenierung von Unmittelbarkeit in eigentümlichem Gegensatz zu Manets kühlen Bildern der Entfremdung, die man in den Räumen davor noch einmal so eindrücklich hatte betrachten können.

Man mag einwenden, dass diese Kritik grundsätzlich jede Großausstellung trifft. In dieser aber, die das Sehen ausdrücklich zum Thema machen will, fällt die Tendenz zum Spektakulären besonders deutlich ins Auge.

In einem der Seitenkabinette zeigt die Kunsthalle sehr überzeugend, wie Manets Malerei im 19. Jahrhundert wahrgenommen wurde. Auf den Karikaturen Honoré Daumiers und seiner Kollegen sieht man, wie sich bereits vor 150 Jahren die Besucher im Pariser Salon vor den skandalträchtigen Bildern drängten. Auch heute ist der Andrang wieder groß, nur dass er nicht länger von den provozierenden Inhalten und Formen der Bilder ausgelöst wird, sondern vom Marketing des Museums, das den Skandal noch einmal reanimiert.

Folgt man dem Soziologen Pierre Bourdieu, hat die Kunst Manets in ihrer Zeit eine "symbolistische Revolution" ausgelöst, bei der ein ganzes System von Kategorien ins Wanken geraten sei. Doch ist dieser Effekt für uns unsichtbar geworden, sagt Bourdieu, denn unser Blick auf die Bilder sei ein Produkt ebendieser Revolution. Die Frage wäre also heute, ob es im Zeigen von Manet eine Alternative zu den Gesetzen des Spektakels gibt. Das ist der blinde Fleck dieser Ausstellung über das Sehen.

"Manet – Sehen", bis zum 4. September 2016 in der Hamburger Kunsthalle