Eine Art Shitstorm de luxe erlebte in den vergangenen Wochen der Autor des Artikels Same but Different im Magazin The New Yorker . Dutzende hoch dekorierter Professoren, darunter zwei Nobelpreisträger, fielen über ihn her, die Fachzeitschrift Nature griff den Fall auf. Was war da los?

Der Verfasser ist kein gewöhnlicher Autor. Siddhartha Mukherjee hat mit seinem Krebs-Sachbuch Der König aller Krankheiten den Pulitzer-Preis gewonnen. Nicht minder gut beleumundet ist The New Yorker : Tolle Geschichten von literarischer Qualität, alles akribisch geprüft. Amtlich gute Unterhaltung also. Doch diesmal hatte sich der Krebsarzt Mukherjee auf ein für ihn fachfremdes Gebiet gewagt: Genetik, oder besser Epigenetik. In der Epigenetik geht es vereinfacht gesagt darum, wie zum Beispiel die Umwelt die Funktion von Genen dauerhaft verändert, ohne dass sich die Gene selbst ändern. Der Artikel sollte ein PR-Vorlauf zu Mukherjees neuem Buch The Gene: An Intimate History sein.

Was wie eine staubtrockene Biochemie-Abhandlung klingt, birgt Antworten auf eine Reihe sehr populärer Fragen. Inwieweit ist das Dasein eines Menschen durch seine Gene vorbestimmt und welchen Anteil haben Erfahrungen daran? Und hatte Darwin mit seiner zufälligen Selektion als Evolutionsmotor vielleicht unrecht? Existiert also – wie es Darwins Zeitgenosse Jean Baptiste Lamarck behauptet hat – eine zielgerichtete Evolution? "Ja", antworten seit rund 15 Jahren einige Forscher und kratzen damit an Dogmen. "Nein!", antworten viele Experten und verteidigen damit die klassische Evolutionstheorie.

In diese Schlangengrube wagte sich Mukherjee – und eckte an. Der Krebsarzt hatte sich auf zwei Mechanismen der Epigenetik gestürzt. Im Kern ging es ihm um die biochemischen "Schalter", welche die Gene je nach Umwelteinfluss aktivieren oder bremsen. Die einen sind Methyl-Moleküle, die sich an den DNA-Strang heften, die anderen Proteine, welche die Verpackung der DNA verändern. All das hatte der Autor anschaulich an der Geschichte seiner bengalischen Mutter und ihrer Zwillingsschwester erklärt: Die beiden seien sich eben ähnlich (Gene) und doch so verschieden (Epigenetik).

Der Artikel sei "oberflächlich und irreführend", "wirklich schwer erträglich" oder schlicht "total falsch", ätzten die Kritiker wie der Biologe Jerry Coyne, der einen Blog zum Disput aufsetzte. Beide Mechanismen seien nebensächlich, und der wichtigste Faktor zur Regulierung von Gen-Aktivitäten sei im Artikel gar nicht genannt worden: die Transkription, das heißt die Vorgänge, welche unter anderem die ganz normale Differenzierung von Zellen steuern. "Mukherjee hat die Genregulation offenbar nicht gut genug verstanden, um sie in einem Artikel darzustellen", sagte Coyne der ZEIT. Aber kann ein verunglückter Magazin-Artikel für Laien die ganze Aufregung erklären? In dem Aufschrei habe sich der Frust vieler Molekularbiologen über die Wissenschaftsberichterstattung in den Medien entladen, sagt Coyne, die mehr auf griffige Plots setzte als auf Fakten. Der Begriff Epigenetik ist Pop. Prägt das Bewusstsein vielleicht doch viel mehr das Sein als angenommen? Ist es gar möglich, wie etwa der Autor Deepak Chopra behauptet, Erfahrungen eines Individuums körperlich in die nächste Generation zu übertragen und auf diese Weise sogar die Evolution zu beeinflussen? Selbst viele Wissenschaftler haben ein Faible für diese Theorien entwickelt. Dabei sind sie nicht bewiesen. Obwohl Mukherjee sich explizit abgrenzt vom Lamarckismus, spielt er doch mit den faszinierenden Weiterungen dieser Idee.

Für einen Autor, der spannende Geschichten schreiben und ein Buch verkaufen möchte, ist so ein Spekulationsboden ergiebiger als 25 Jahre altes Lehrbuchwissen über Genregulation. Und es stört die schöne Story, wenn sich die Unterschiede seiner Zwillingsverwandten vollständig auch ohne neue epigenetische Entdeckungen durch gewöhnliche Genregulationen erklären lassen – die nicht Informationen in die übernächste Generation transportieren.

Und was sagt Siddhartha Mukherjee dazu? Er räumt zwar Mängel seines Textes ein, ansonsten wiegelt er ab: "Es gibt keine echte 'Kontroverse'", antwortete er der ZEIT per Mail, "ich weiß also nicht, ob es lohnt, überhaupt darüber zu schreiben." Jerry Coyne reicht das nicht: "Ich wünschte, er würde öffentlich zugeben, dass er Fehler gemacht hat." Man könne auch eine interessante, populäre Geschichte schreiben und die Fakten trotzdem richtig darstellen, sagt er. "Ich weiß das, ich habe das oft genug selbst getan."