Es ist nicht einfach, sich einen Reim auf die Welt zu machen. Aber es gibt eine Methode. Werden Sie Flaneur!

Sie kennen das Wort; Sie haben es bloß schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht hören Sie bei seinem Klang Droschken über Kopfsteinpflaster klappern, und Sie denken an stöckchenschwingende Müßiggänger, denen das Leben ein Sonntagnachmittag war. Aber ich meine etwas anderes. Kommen Sie mit; ich zeige es Ihnen. Sie benötigen nur etwas Einbildungskraft und feste Schuhe.

In der vergangenen Woche streunte ich durch Berlin und stieß auf den Eingang zu einem Friedhof. Darinnen fiel mir eine Konstruktion aus vier dorischen Säulen auf, in der Mitte eine Stele mit Büste: "Joh: Friedr: Aug: Borsig" war in goldenen Lettern eingraviert, mit Doppelpunkten; wie sich die Schreibweisen doch ändern. Zwei Männer in Touristenkluft standen davor, und einer sagte: "Ah, der kommt nach unserm Borsigplatz in Dortmund."

Ein paar Schritte weiter wurde mir klar: Das ist ja der Dorotheenstädtische Friedhof! Mit Fichte und Hegel, Brecht und Eisler, Herbert Marcuse, Heiner Müller, und wie sie alle heißen. Ein andermal, dachte ich. Denn mich zog es weiter. Flanieren ist ein bisschen so wie das Surfen im Netz. Der Flaneur surft in der realen Welt.

Wenige Schritte weiter, in der Hannoverschen Straße, passierte ich den Sitz der Deutschen Bischofskonferenz, vor dessen Eingang ein großes und sehr figürliches Plakat die Website dildo-generator.com anpries. Hing es zufällig dort? Ich fragte mich, was sein Anblick wohl in den Köpfen der Bischöfe auslösen mochte. Ein Dutzend lärmender Polizeifahrzeuge raste die schmale Straße entlang, niemand blickte auf; ich malte mir eine Verbrecherjagd aus. In einem Hauseingang lag ein goldfarbener Knopf mit Ankersymbol. Ein Zeichen? Gar eine Falle?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Der Flaneur hat Zeit. Er schaut nicht auf die Uhr und ebenso wenig auf Karten. Sie versperren nur seinen Blick auf all die Zeichen, die ihn anlocken und seinen Weg bestimmen. Das können Heilsarmeegruppen sein oder Blindenhunde, weggeworfene Notizzettel oder Verbotsschilder, eine vergessene Sandale oder die Eckkneipe Zum letzten Schluck.

In Paris zog mich einmal eine Wohnanlage an. Sie war im Art-déco-Stil erbaut, anders als die meisten Häuser im XV. Arrondissement. Ich trat ein und war bald ganz von diesen roten und gelben Backsteinbauten umstellt. In welche Zeit war ich gesprungen? Da – eine Plakette: Hier hatte ein Nachrichtendienst der Résistance seine Zentrale, bis die Gestapo alle verhaftete, die meisten kamen im KZ um. Ich verließ den Ort, und noch während ich die böse Szene ausmalte, hörte ich Kinderlärm. Er führte mich zu einem Spielplatz mit schwarzen Nannys und weißen Kindern.

Ergibt das alles einen Sinn? Ich glaube, mehr als einen. Zwar setzt der Flaneur wie jeder sonst einen Fuß vor den anderen; er bewegt sich linear. Aber da er auf alles achtet, was ihm begegnet, empfindet er "massiv parallel" (ein Begriff aus der Informatik). Er nimmt Unzusammenhängendes wahr und stellt Zusammenhänge her, seine Eindrücke fügen sich zu einer Collage. Die Zufälle und Einfälle ergeben keine Geschichte, sondern ein Gewebe aus Episoden.

Als Literaten und Soziologen sich noch mit dem Flaneur befassten, stellten sie ihn gerne als einen Unzeitgemäßen dar. Als einen Übriggebliebenen, der dem Großstadtleben nur mit ungläubigem Staunen begegnen konnte. Seither sind Epochen vergangen, aber der Flaneur ist immer noch da. Und womöglich war er nie zeitgemäßer: Denn wer könnte besser in unsere kreuz und quer verlinkte Welt passen als der Flaneur mit seinem Gleichzeitigkeitssinn? Die flânerie ist die Postmoderne par excellence.

Natürlich ist der Flaneur ein Stadtmensch. Ihn reizt das Menschengewusel. Diese Verdichtung des Lebens. Die Plattenbausiedlung taugt ihm so gut wie der Boulevard. Oder denken Sie an die Fußgängerzone einer beliebigen deutschen Kreisstadt. H&M, McDonald’s, Douglas und in zweiter Reihe dann die Handyshops und Resterampen ... Sie mögen diese kommerziellen Ensembles austauschbar finden. Dem Flaneur fallen jedoch gewisse Details auf, Abweichungen. In diesen Kulissen wird etwas aufgeführt, was ihn interessiert. Das Leben. Es besteht aus Einzelheiten. Es ist eine einzige Abweichung.