"Der Raum blinzelt den Flaneur an: Nun, was mag sich in mir wohl zugetragen haben?" – so schrieb der Kulturkritiker Walter Benjamin. Der Gedanke lässt sich in die Zukunft ausdehnen. Der Flaneur sieht ein Nagelstudio und denkt sich: Hier wird morgen vielleicht ein Doppelmord geplant. Dann wendet sich sein Blick zu einem Taxistand, an dem übermorgen die große Liebe beginnt. Er erblickt einen Bäckerladen, in dem eines Tages der Messias erscheinen wird. Und nein, das ist keine Flucht vor der Realität. In diesen Fantasien werden Eigenschaften des Raums ausprobiert. Der Flaneur ist Maler, Komponist und Filmemacher, er ist Autor und Publikum zugleich.

Das Gespräch mit seinen Mitmenschen ist dem Flaneur deshalb für seine Beschäftigung entbehrlich, auch wenn er es vielleicht nicht meidet. Mag er auch Anteil nehmen, er bleibt im Kern ein Unbeteiligter. Manche nehmen ihm das übel. "Flaneurhaft" ist kein Kompliment. Der Flaneur gilt als Schmetterlingswesen, ohne Gewicht oder Tiefsinn. Er betrachtet alles mit gleichem Interesse, also muss ihm alles gleichgültig sein – oder? Was für ein Quatsch! Will man ihm wirklich vorhalten, dass er die Details ernst nimmt? Dass er aufmerksam ist, wo andere achtlos bleiben?

Außerdem: Was tun denn all die zweckdienlichen Leute, wenn sie gerade mal nichts Dringliches auf dem Zettel haben? Sie suchen Zerstreuung. Der Flaneur indes sucht keineswegs die Zerstreuung, im Gegenteil, er ist ein Sammler. Er liest in den Gesichtern. Er entziffert Namen an den Türschildern, und sofort fallen ihm passende Berufe und Begebenheiten ein (Balzac glaubte an die Bedeutung von Namen und durchstreifte Paris, um geeignete Namen für seine Romanfiguren zu finden). Schönes oder Hässliches, Heiles oder Geborstenes, alles wird ihm Gegenstand der Betrachtung, die Gewinner, die Verlierer, die Fröhlichen und die Traurigen.

Man muss das nicht gleich politisch nennen, aber ein Widerspruch zu dem, was ist und gilt, liegt doch darin. "Der Müßiggang des Flaneurs ist eine Demonstration gegen die Arbeitsteilung", fand Walter Benjamin. Der Flaneur widersetzt sich dem Tempo der Stadt; er hält den Verkehr auf, stört die Geschäftigen und ist ihnen eine Provokation; er betrachtet die Risse und Brüche; ihm sind Obdachlose keine Kleiderhaufen, an denen man vorüberhastet. Nur ist der Flaneur das Gegenteil des Demonstranten. Er will nicht wirken, sondern Wirkungen spüren, nicht zeigen, sondern anschauen. Morgen ist ja auch noch ein Tag.

Eine Spezialform des Flanierens ist das wiederholte Folgen eines festgelegten Wegs. Probieren Sie es mal aus, und Sie entdecken eine Methode, Veränderungen einer Stadt, einer Gesellschaft zu registrieren. Es gibt eine Strecke in Tunis, die ich jedes Mal gehe, wenn ich wieder zu Besuch bin. Und siehe da: Die Verteilungsdichte von vollverschleierten Frauen im Nikab sowie von Bärtigen mit Hochwasserhosen wechselt mit der politischen Lage; massive Präsenz von Polizisten deutet auf eine angespannte Stimmung. Wie viel Müll liegt auf der Straße, wie viele Fenster sind zerborsten? Das alles sind Zeichen. Sogar das Tempo, die Mimik, die Blicke, die vielen kleinen Signale, die mir oft erst viel später ins Bewusstsein dringen und zum Beispiel das Gefühl vermitteln: Die Stadt ist nervös. Paris übrigens ist immer nervös, Hamburg nie.

Ein paar Ratschläge für angehende Flaneure:

Blicke auf die Straße, und stelle dir vor, dass die Passanten Maschinen seien, Roboter, Marionetten. Oder dass eine geheime Verbindung zwischen zwei Objekten existiere, die einander scheinbar gleichgültig sind. Oder unter den Passanten, die nur so tun, als kennten sie sich nicht.

Oder einer von ihnen ringe mit seiner Übelkeit und spucke gleich die neben ihm Stehenden mit Chai Latte voll. Und was dann geschieht.

Oder mache dir klar: Dieser Anblick kommt niemals wieder. Alles ist einmalig.

Oder versuche, dir gar nichts vorzustellen, sondern nur jedes Objekt schön zu finden. Oder komisch. Versuche, mit jedem Menschen, den du siehst, anlasslos Mitleid zu empfinden. Oder ihn zu lieben, trotz allem. Trotz was? Sieh genau hin.

Übungen – sie lohnen sich! Denn wer diese Disziplin beherrscht, kennt keine Langeweile mehr. Spielen kann er jederzeit und ebenso das Spiel abbrechen. Es hinterlässt keine Spuren.

Man kann es auch so formulieren: Der Flaneur will der Unsichtbare sein, der alles sieht, wie der Kalif Harun al-Raschid aus Tausendundeiner Nacht. Ein Kindertraum. Der Flaneur ist ein erwachsenes Kind. Man nimmt ihn nicht ernst. Es ist ihm egal.