Abdullah Naaser war Übersetzer für die amerikanischen Truppen in Afghanistan. Als auf ihn geschossen wurde, verließ er im September 2014 seine Heimat Herat. Während der Flucht ging ihm das Geld aus. Trotzdem schaffte er es bis nach Hamburg. Heute lebt der 27-Jährige in einer Unterkunft in Bergedorf.

DIE ZEIT: Herr Naaser, wann haben Sie das erste Mal in Deutschland Geld bekommen?

Abdullah Naaser: Zwei Monate nach meiner Ankunft, da wurden mir 143 Euro vom Sozialamt ausgezahlt. Das reichte, solange ich in der Zentralen Erstaufnahme gewohnt habe. Wir haben dort Essen und Kleidung bekommen. In Bergedorf bekomme ich jetzt 360 Euro im Monat, muss davon aber auch alles außer der Miete selbst bezahlen: Essen, das HVV-Ticket, Telefon und Internet. Und meinen Anwalt, der mir im Asylverfahren hilft.

ZEIT: Schickt Ihnen Ihre Familie Geld?

Naaser: Mein Vater bietet mir das oft an. Aber ich will nicht. Er hat schon zu viel für meine Flucht gezahlt.

ZEIT: Fühlen Sie sich arm?

Naaser: Nein, seit ich die 360 Euro kriege, fühle ich mich nicht mehr arm. Und ich habe keine Extra-Ausgaben wie andere Flüchtlinge.

ZEIT: Extra-Ausgaben?

Naaser: Alkohol, Zigaretten.

ZEIT: Was ist das Wertvollste, das Sie besitzen?

Naaser: Ich besitze nichts Wertvolles. Ich habe ein altes Smartphone.

ZEIT: Aus Afghanistan?

Naaser: Nein, dort hatte ich ein iPhone 4, aber das wurde mir in Griechenland gestohlen. Vermutlich von Polizisten, als ich festgenommen wurde.

ZEIT: Warum wurden Sie festgenommen?

Naaser: Bei unserer Ankunft in Griechenland gaben sie uns eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Innerhalb eines Monats sollten wir das Land verlassen. Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Deswegen habe ich mehrmals versucht, über die mazedonische Grenze zu kommen, wurde aber von der Polizei immer wieder zurückgebracht. Beim letzten Mal war die Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen. Ich kam ins Gefängnis, sie nahmen mir meine Tasche ab. Als ich sie wiederbekam, war das Handy weg.

ZEIT: Eine Flucht durch Europa ohne Smartphone, geht das überhaupt?

Naaser: Ohne Smartphone geht gar nichts. Ich habe dann ein gebrauchtes Handy von einem Freund in Athen bekommen. Damit konnte ich meine Eltern bitten, mir Geld zu schicken. Und an den Grenzen haben wir es zur Navigation benutzt.

ZEIT: Haben Sie Geld für die Flucht gespart?

Naaser: Nein. Ich habe zwar ganz gut verdient in Afghanistan, aber ich hätte nie gedacht, dass die Flucht so teuer sein würde.

ZEIT: Was haben Sie in Afghanistan gemacht?

Naaser: Ich habe internes Rechnungswesen studiert, daneben war ich Übersetzer für die amerikanischen Truppen. Es ging uns gut, besser als vielen anderen Leuten.