ZEIT: Warum wollten Sie weg?

Naaser: Ich wusste immer, dass mein Job gefährlich werden könnte. Für die Taliban sind die Dolmetscher der Alliierten Zielscheiben. Aber ich habe das lange nicht ernst genommen.

ZEIT: Wann hat sich das geändert?

Naaser: Zuerst habe ich Drohanrufe bekommen. Sie sagten: Du arbeitest für die Amerikaner, gib uns 50.000 Dollar. Dann wollten sie 60.000. Sie sagten, wenn ich nicht zahle, würden sie mich töten. Auch das habe ich erst nicht ernst genommen, so viel Geld hatte ich nie. Dann sind mir auf dem Heimweg von der Uni Typen gefolgt. Eines Nachts haben sie auf mich geschossen. Da habe ich entschieden, das Land zu verlassen.

ZEIT: Wie hat Ihre Familie reagiert?

Naaser: Mein Vater sagte, so ein Trip nach Deutschland sei gefährlich und würde zwei bis drei Monate dauern. Ich habe gesagt: Drei Monate in Gefahr, damit kann ich leben. Aber ich kann nicht mein ganzes Leben lang in Gefahr sein.

ZEIT: Was haben Ihre Eltern für Ihre Flucht gezahlt?

Naaser: In meinem Land gehen wir mit Geld anders um als hier. In der Familie legen wir unser Einkommen zusammen und geben es dann gemeinsam aus. Als ich gegangen bin, musste ich meinen Vater nicht um Geld fragen. Damals habe ich noch gedacht, ich brauchte 5000 Dollar, am Ende hat die Flucht fast 9000 Euro gekostet. Jede Grenze, die man illegal überqueren möchte, ist teuer.

ZEIT: Haben Sie Schleuser beauftragt?

Naaser: Überall dort, wo ich den Weg ohne ihre Hilfe nicht schaffen konnte: an der Grenze vom Iran in die Türkei, von der Türkei nach Griechenland, von Griechenland nach Serbien.

ZEIT: Wie haben Sie die Schmuggler gefunden?

Naaser: In der Türkei haben mir Leute gesagt: Wenn du in Athen bist, gehe zu diesem Ort, dort wird man dir helfen.

ZEIT: Was waren das für Orte?

Naaser: Häuser, die ehemaligen Flüchtlingen gehören. Sie vermieten die Zimmer günstig an neue Flüchtlinge und haben uns die Telefonnummern von Leuten gegeben, die uns über die Grenze bringen sollten. Mit denen musste man dann gut verhandeln.

ZEIT: Wie viel Geld hatten Sie dabei?

Naaser: 700 Dollar, als ich vom Iran in die Türkei gefahren bin. Der Typ, der mich über die Grenze brachte, hat mich gewarnt. Oft würden Flüchtlinge an der Grenze überfallen. Zum Glück ist mir nichts passiert, aber ich war schon in der Türkei pleite. Danach habe ich in jedem Land, in dem ich war, meine Familie gebeten, mir Geld zu schicken.

ZEIT: Auf welchem Weg?

Naaser: Über Western Union. Und es gibt noch ein anderes System: eine Art Firma mit Niederlassungen in allen Ländern, die Flüchtlinge durchqueren. Per Telefonanruf wird Geld von einer Person in einem Land an eine andere Person in einem anderen transferiert.

ZEIT: Wie funktioniert das?

Naaser: Meine Eltern mussten zu einem Geschäft in ihrer Nähe gehen, dem Typen dort den Betrag geben und ihm sagen, in welchem Land und an welcher Grenze ihr Sohn gerade steht. Der Ladenbesitzer rief dann den Schmuggler an und gab ihm das Okay. Als wir die Grenze passiert hatten, habe ich bei meinen Eltern angerufen und der Schmuggler in dem Laden in Afghanistan. Dann wurde das Geld übertragen.

ZEIT: Mussten Sie dafür Provision zahlen?

Naaser: Klar. Fünf Prozent, manchmal zehn. Wahrscheinlich ist das illegal, aber die arbeiten sehr professionell. Trotzdem klappt es natürlich nicht immer. Manchmal nimmt der Schmuggler das Geld einfach und haut ab. Viele Flüchtlinge haben so eine Menge Geld verloren.