DIE ZEIT: Herr Goodhart, Sie kommen aus der Linken, und Sie fordern die Einschränkung der Genfer Flüchtlingskonvention. Wie passt das zusammen?

David Goodhart: Wir haben das Versprechen auf Schutz, das in der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 steckt, im Laufe der Jahre immer und immer mehr ausgeweitet – in dem sicheren Gefühl, dass schon keiner kommen wird. In den fünfziger Jahren kam doch höchstens mal der eine oder andere Dissident aus Osteuropa. Die Europäische Union hat im Laufe der Jahre immer neue Asylgründe hinzugefügt. Es kamen dann Boatpeople, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien – aber im Großen und Ganzen wurde unser Großmut nie getestet. Nach dem jetzt geltenden Recht könnten Millionen von Menschen locker begründen, warum sie hier Schutz beanspruchen. Nun ist der Bluff aufgeflogen. Früher konnten sie nicht herkommen und sich dieses Recht nehmen. Da waren sie in ihren Gefängnis-Staaten gefangen. Heute können sie es. Mit dem Internet, den billigen Flügen, der Schlepper-Industrie – heute können sie herkommen und das Recht geltend machen, das wir ihnen in einer bestimmten moralischen Unüberlegtheit versprochen haben. Natürlich: Wir haben als reiche, liberale Staaten moralische Verpflichtungen. Aber wir müssen den Mechanismus brechen, nach dem Hilfe für Menschen in Notlagen überall auf dem Globus automatisch bedeutet, dass sie in unseren Gesellschaften leben. In dem jetzigen Umfang ist es weder für sie noch für uns gut.

ZEIT: Also Gefahr für Leib und Leben soll kein Grund mehr sein, jemanden in Europa aufzunehmen?

Goodhart: Doch, wenn jemand tatsächlich individuelle Verfolgung geltend machen kann, dann sollten wir ihn aufnehmen. Ein Afghane, der für die Nato übersetzt hat – natürlich hat der Anrecht auf unseren Schutz. Ich bin nur gegen den Automatismus. Auch bei Syrern. Wir sollten auch nicht automatisch die fähigsten und kräftigsten von ihnen aufnehmen, weil sie sich bis zu uns durchgeschlagen haben. Wir sollten diejenigen aussuchen, die es am schwersten haben. Nicht jeder Syrer ist in Lebensgefahr. Wir sollten uns mehr Mühe geben, ihnen die Infrastruktur für bessere Unterkünfte in der Region zur Verfügung zu stellen. Die meisten wollen ja auch zurück, wollen ihr Land wieder aufbauen.

ZEIT: Also die Genfer Flüchtlingskonvention – das ist das Eingemachte, der Grundkonsens. Wer den Namen hört, denkt an die Irrfahrt der St. Louis 1939, die Juden auf der Flucht aus Nazideutschland, denen niemand geholfen hat. Da wollen Sie die Axt dranlegen?

Goodhart: Es ist völlig absurd, dass wir uns heute die Frage, wen wir schützen, immer noch vom Zweiten Weltkrieg diktieren lassen. Wir brauchen ein Asylrecht, das den Dimensionen der heutigen Wanderungsbewegungen gewachsen ist.

ZEIT: Nicht der Zweite Weltkrieg soll uns leiten, aber die Wut in Clausnitz oder Dresden?

Goodhart: Eine Regierung kann in ihrer Zuwanderungspolitik ein bisschen großzügiger sein als die allgemeine Öffentlichkeit – aber sie darf sich nicht zu weit von ihr wegbewegen.

ZEIT: Sehen Sie ein Problem darin, dass jemand, der gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik ist, aber kein Rassist ist, in Deutschland im Grunde keine Wahl hat?

Goodhart: Auf jeden Fall. Ich glaube, es ist politisch sehr gefährlich, sich darauf zu verlassen, dass die Leute schon irgendwie einsehen werden, wie alternativlos das alles ist.

ZEIT: Aber hauptsächlich geht es in der Flüchtlingskrise gerade den Sozialdemokraten ans Leder. Überall in Europa verschwinden oder verzwergen ihre Parteien. Warum?

Goodhart: Mich wundert das gar nicht. Es gibt einfach eine Spannung zwischen universellen Rechten und nationalen Rechten, zwischen Einwanderung und Sozialstaat. Die Linke hat immer für liberale Grenzregelungen gekämpft, für internationale Solidarität. Aber es ist gerade ihre Klientel, das untere Drittel der Gesellschaft, das durch massenhafte Zuwanderung am meisten zu verlieren hat. Was glauben Sie, wie lange es das deutsche Kindergeld in dieser Höhe noch gibt, wenn die Einwanderung auf dem Niveau von 2015 bleibt? Viele Sozialdemokraten verstehen nicht, dass Gesellschaften empfindliche Zusammenhänge sind, dass Vertrauen verschwindet, wenn Nachbarschaften nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Deshalb müssten gerade Linke für einen besseren Schutz von Grenzen eintreten.