1. Kommen jetzt mehr Menschen als in den Vorjahren von Libyen aus über das Mittelmeer nach Italien?

Die aktuellen Nachrichten erwecken diesen Eindruck. Allein in der vergangenen Woche, zwischen Montag, dem 23. Mai, und Sonntag, dem 29. Mai, nahmen Schiffe der deutschen wie der italienischen Marine sowie Rettungsboote privater Hilfsorganisationen über 13.000 Schiffbrüchige auf. Doch die aktuellen Zahlen unterscheiden sich kaum von denjenigen in den Jahren zuvor. 2014 setzten rund 170.000 Flüchtlinge und Migranten von Libyen nach Europa über, 2015 waren es etwa 150.000, in diesem Jahr werden es, auch wenn Voraussagen schwer zu treffen sind, wahrscheinlich ebenso viele sein.

Nach Angaben der zwischenstaatlichen Internationalen Organisation für Migration (IOM), des italienischen Innenministeriums und der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR landeten zwischen dem 1. Januar und dem 30. Mai dieses Jahres etwa 47.600 Flüchtlinge in Italien. Im selben Zeitraum 2015 (bis einschließlich 31. Mai) waren es 47.463. Weil die Überfahrt über das zentrale Mittelmeer besonders gefährlich ist, wird diese Route bei eher ruhigem Wetter gewählt. Darum steigen die Flüchtlingszahlen zwischen Mai und September.

2. Warum sterben jetzt mehr Menschen?

Im vergangenen Jahr kamen auf der Mittelmeerroute zwischen Anfang Januar und Ende Mai mindestens 1.828 Flüchtlinge und Migranten ums Leben, in diesem Jahr bis zum 30. Mai mindestens 2061, ein Anstieg um fast 13 Prozent. Die vergangene Woche war eine der tödlichsten seit Beginn der Flüchtlingskrise. Mindestens tausend Menschen ertranken bei der Überfahrt über das zentrale Mittelmeer. Das ergaben übereinstimmende Aussagen von Flüchtlingen und Rettungshelfern. Der schlimmste Unfall ereignete sich wohl am Donnerstag, dem 26. Mai. Ein manövrierunfähiges Holzboot mit etwa 550 Menschen an Bord wurde von einem anderen Flüchtlingsboot in Schlepptau genommen, schlug leck und sank. Laut IOM konnten nur 87 Menschen gerettet werden.

Warum derart viele Opfer, wenn doch im Vergleich zu 2015 heute bei etwa gleichbleibenden Flüchtlingszahlen weit mehr Rettungsschiffe vor der libyschen Küste kreuzen? Private Hilfsorganisationen wie SOS Méditerranée, Ärzte ohne Grenzen oder Sea-Watch sind dort unterwegs. Und auch die EU hilft mit Marineschiffen im Rahmen der "Operation Sophia". Dass mehr Menschen ums Leben kommen, liegt daran, dass sich das Schleusergeschäft in Libyen immer weiter brutalisiert.

Der Leiter des libyschen IOM-Büros, Othman Belbeisi, berichtet, dass einigen Menschenschmugglern – auch als Folge der EU-Maßnahmen gegen Schleuserbanden – inzwischen die Boote ausgingen. Deshalb zwängen sie, oft mit Waffengewalt, eine noch höhere Zahl von Menschen als sonst auf ihre Schiffe. Statt kleinerer Gummiboote sind dies derzeit eher große Holzkähne, die sich oft in einem katastrophalen Zustand befinden. Das Risiko steigt, zu kentern und zu ertrinken.

3. Weichen seit der Schließung der Balkangrenzen mehr syrische Flüchtlinge auf die Libyen-Italien-Route aus?

Dafür gibt es bislang keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil, nach übereinstimmenden Aussagen der IOM, des UNHCR und des italienischen Innenministeriums gelangen weit weniger Syrer als zuvor nach Italien. In den ersten vier Monaten landeten lediglich 26. Das waren gerade einmal etwa 0,1 Prozent aller Menschen, die bis Ende April über das Mittelmeer nach Italien gekommen sind. 2015 machten Syrer im gesamten Jahr noch acht Prozent aus, 2014 sogar 41 Prozent. Auch im vergangenen Monat Mai, heißt es in Italien, habe man so gut wie keine syrischen Flüchtlinge gezählt.