Müllberge, Tankstellen ohne Benzin, leere Bahnhöfe, geschlossene Flughäfen, abgeschaltete Atomkraftwerke: So könnte die Kulisse aussehen, vor der die Fußballeuropameisterschaft am 10. Juni beginnt. Die ehemals kommunistische Gewerkschaft CGT lehnt sich gegen ein Reformvorhaben des Staatspräsidenten François Hollande auf und will bis zum Äußersten gehen. Nun wird zwar in Frankreich immer wieder leidenschaftlich gestreikt. Diesmal jedoch geschieht Ungewöhnliches.

Die erste Besonderheit besteht darin, dass die CGT nicht gegen eine konservative Regierung kämpft, sondern gegen das Gesetzesprojekt einer sozialistischen Staatsspitze. Die zweite Besonderheit: Die linke Gewerkschaft hat im rechtsradikalen Front National (FN) einen neuen Verbündeten gefunden.

Marine Le Pens FN versammelt derzeit schätzungsweise 25 bis 28 Prozent der Wahlberechtigten hinter sich und ist damit die bei Weitem stärkste Partei, die sich die Forderungen der Streikenden zu eigen macht. Zwei Extreme haben sich gefunden, doch es ist nicht so, dass sie gemeinsam ins politische Abseits marschierten. Im Gegenteil: Nicht der sich radikalisierende Protest verliert an Rückhalt in der Bevölkerung, sondern die Regierung. Nicht die Gewerkschafter dürften die Wut der Bürger auf sich ziehen, wenn Bahn-, Metro- und Fluglotsenstreiks den Auftakt der Fußballeuropameisterschaft überschatten, sondern die Regierenden. Denn noch immer zeigen Umfragen, dass zwei Drittel aller Franzosen Hollandes Reformgesetz ablehnen. Marine Le Pen macht sich zur Sprecherin dieser Zweidrittelmehrheit: "Ich sehe, wie überall die Wut zunimmt, und mache mir Sorgen", schreibt sie in ihrem Blog über das, wie sie es nennt, "erbitterte Frankreich". Sie wirft der Regierung vor, "die sozialen Beziehungen zu brutalisieren". Dagegen stellt sie das Thema ihrer Wahlkampagne: das "beruhigte Frankreich".

Wer die Macht will, muss die Unzufriedenen gewinnen

Es erscheint paradox: Eine linksradikale Gewerkschaft, die mehrheitsfähige Forderungen stellt; eine rechtsradikale Parteiführerin, deren Wahlchancen bei der Präsidentschaftswahl 2017 enorm steigen würden, wenn es ihr gelänge, den Protest politisch zu vereinnahmen. Tatsächlich konvergieren die Interessen der extremen Rechten und der kompromisslosen Linken: Wer die Macht will, muss die Unzufriedenen gewinnen. So groß die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Lagern sein mögen – in Frankreich lässt sich gerade gut beobachten, wie einst Untrennbares zusammenfindet, wenn mit der Furcht vor Globalisierung, Erneuerung und Effizienz Politik gemacht wird.

Die CGT ist zwar die einflussreichste Gewerkschaft Frankreichs, repräsentiert aber nur eine Minderheit. Die Gewerkschaft zählt 700.000 Mitglieder, das sind weniger als drei Prozent der Beschäftigten in Frankreich. Stark ist sie in großen Unternehmen, von denen Frankreich viele hat. "Drei Stunden Streik am Tag in den wichtigsten Betrieben haben uns gereicht, um 80 Prozent der Flaschenproduktion in Frankreich lahmzulegen", brüstet sich das CGT-Führungsmitglied Mohammed Oussedik; er ist in seiner Gewerkschaft für die Industrie zuständig.

Streikgrund ist Artikel 2 des Gesetzentwurfs, der auf Unternehmensebene verhandelten Vereinbarungen über die Arbeitszeit Priorität vor Abschlüssen auf Branchenebene einräumt. Das französische Arbeitsrecht ist sehr streng; das neue Gesetz soll den Unternehmen etwas mehr Handlungsspielraum geben. Eine radikale Wende ist das nicht. Doch die CGT, die in kleinen Unternehmen selten vertreten ist, würde mit der Reform viel Einfluss verlieren. "Sie wollen die Angestellten im Konflikt mit dem Unternehmer sich selbst überlassen und die Arbeitsverhandlungen auf Betriebsebene führen, wo wir nicht existieren", sagt Mohammed Oussedik. Der ehemalige Glastechniker ist kein Klassenkämpfer, vielmehr ein Fan des deutschen Mitbestimmungsmodells. Er kommt vom Baustoffriesen Saint-Gobain, wo die CGT stark ist. Aber von nun an muss er auch über 300.000 zum Teil winzige Bauunternehmen in Frankreich nachdenken, in denen schon die Mitgliedschaft in der als linksradikal verpönten CGT Ärger mit dem Chef bedeutet.

Oussedik geht es also um das Überleben seiner Gewerkschaft. Der Front National interessiert ihn nur sekundär. "Parteien und Präsident müssen eine Alternative zum FN finden, nicht wir", sagt Oussedik.

Schon arbeiten Streikende der CGT Hand in Hand mit dem FN. Denn anderswo finden sie keine relevante politische Unterstützung. "Viele CGT-Vertreter kommen mit ihren Infos zu uns", berichtet Joffrey Bollée, Büroleiter des FN-Vizepräsidenten Florian Philippot, des engsten politischen Vertrauten Marine Le Pens. Bollée plant derzeit Solidaritätsaktionen mit den Streikenden. Was nicht selbstverständlich ist: Denn viele stramm traditionelle FN-Mitglieder sehen in der CGT noch immer den Feind von links. "Gegen die alten CGT-Klischees mussten wir uns innerhalb der Partei erst durchsetzen", sagt Bollée, mit Philippot einer der Architekten eines antiliberalen Wirtschaftskurses der FN. Bollée zufolge ist der parteiinterne Streit inzwischen entschieden: "Die CGT kämpft allein gegen die Reichen und die Regierung, allein für die Beschäftigten, die unsere Wähler sind. Ihr Erfolg wird auch der unsrige sein."

Woher aber kommt die Geduld der Franzosen mit den politischen Rändern? Sehr wahrscheinlich nicht aus Zuneigung für die Extremen, sondern aus Abneigung gegen den Präsidenten. Die "massive Unbeliebtheit der Regierung" überwiege die Kritik an der CGT, stellt Jérôme Fourquet vom Meinungsforschungsinstitut IFOP fest. Das hat es schon einmal gegeben. Im Jahr 1995 unterstützte eine Mehrheit der Franzosen den damaligen CGT-Generalstreik, weil sie sich vom gerade gewählten Präsidenten Jacques Chirac betrogen fühlte. Dieser wollte ein Reformprogramm durchsetzen, das er vor seiner Wahl nicht angekündigt hatte. Ähnlich ergeht es heute Hollande. Die liberale Arbeitsreform ist das Gegenteil seiner sozialistischen Wahlversprechen. Doch diesen Kurswechsel vollzog er nicht mit Klarheit und Entschiedenheit, begründete ihn auch nicht, sondern redete ihn im Gegenteil klein, indem er seine junge, vergleichsweise unerfahrene Arbeitsministerin Myriam El Khomri mit der Reform beauftragte. Das Ganze sieht nach trickreicher Taktik und danach aus, als habe Hollande in Wirklichkeit nicht das Wohl der Franzosen im Blick, sondern seine eigene Präsidentschaft: Das Gesetz soll seinen konservativen Widersachern, die seit Jahren eine solche Reform fordern, den Wind aus den Segeln nehmen.

Regierung und Gewerkschaft wollen den Konflikt bis zum bitteren Ende führen

Hollande wurde nach den Terrorangriffen von Paris im Januar 2015 und im vergangenen November beliebter: Er wirkte souverän. Doch allzu ungeschickt versuchte er, daraus Kapital zu schlagen. Als Reaktion auf die Attentate wollte er eine Verfassungsreform beschließen, die es erlaubt hätte, Terroristen mit doppelter Staatsangehörigkeit die französische Nationalität zu entziehen. Das war zwar von Anfang an verfassungsrechtlich aussichtslos, allerdings eine alte Forderung der Rechten und Rechtsextremisten – mit ihr wollte Hollande alle Lager hinter sich versammeln, inklusive des FN. Doch seine eigene Partei legte sich quer. Hollande musste das Vorhaben, das er großartig vor dem Kongress in Versailles verkündet hatte, im April still beerdigen.

Wo ist der Ausweg? "Bis zum bitteren Ende" wollen sowohl Regierung als auch CGT-Gewerkschaft ihren Konflikt führen – das sagen beide Seiten seit Wochen. "Wenn wir gegenüber der Straße und der CGT klein beigeben, bleibt nichts", warnte Premierminister Manuel Valls, der ehemalige Innenminister, der als möglicher Präsidentschaftskandidat an seinem Ruf des harten Mannes arbeitet. Und Hollande? Er könnte seinen Premierminister opfern und das Arbeitsgesetz weiter verwässern, bis dass die CGT den Streik beendet – rechtzeitig zur EM. Doch damit würde der Präsident noch mehr an Autorität verlieren. Bleibt wenigstens noch die Hoffnung, dass die französische Fußballnationalmannschaft den Titel holt.