DIE ZEIT: Während wir hier zusammensitzen, verkündet Bundestrainer Joachim Löw die endgültige Nominierung des Nationalmannschaftskaders. Der Dortmunder Marco Reus, die Leverkusener Karim Bellarabi und Julian Brandt sowie Sebastian Rudy von der TSG Hoffenheim dürfen nicht mit zum Turnier nach Frankreich reisen.

Hans-Dieter Hermann: Es ist eine heftige Situation, so nah dran zu sein, sich zu freuen und dann doch nicht mitfahren zu können.

ZEIT: Wie verarbeiten Spieler solche Enttäuschungen am besten?

Hermann: Damit umzugehen ist nicht einfach. Sie kommen zu Hause an und werden von tausend Leuten gefragt: Wie fühlst du dich? Mein Tipp ist: Direkt in den Urlaub fahren.

ZEIT: Marco Reus erlebt das Drama, nicht am Turnier teilnehmen zu können, bereits zum zweiten Mal.

Hermann: Das ist besonders bitter. Der Grund ist ja seine Verletzung. Auch das zum zweiten Mal. Das hat schon tragische Züge. Aber vielleicht könnte es mit Blick auf die kommende Saison gut für Marco sein, sich in Ruhe auszukurieren.

ZEIT: Es wirkt, als beginne nun nach der Entscheidung für den endgültigen Kader die wahre Vorbereitung: Wird es einfacher, die Mannschaft auf ein Turnier vorzubereiten, wenn man den größtmöglichen Titel, den des Weltmeisters, gewonnen hat – oder belastet das?

Hermann: Die Erwartung ist erst mal scheinbar höher. Aber da diese an die deutsche Fußballnationalmannschaft immer maximal groß ist, spielt das keine so große Rolle. Das Team hat sie an sich selbst – die Öffentlichkeit ohnehin. Der Titel ist eher ein Gefühl, das sinnbildlich die Brust breiter macht.

ZEIT: Die anderen Mannschaften könnten sich besonders herausgefordert fühlen, gegen den Weltmeister zu gewinnen.

Hermann: Klar. Aber der Erfolg schafft auch Respekt beim Gegner, das eigene Selbstverständnis wächst und der Glaube an die eigene Stärke. Schließlich wissen die Spieler, was sie leisten können, wenn es darauf ankommt.

ZEIT: Ist es ein Gefühl, wie es auch der FC Bayern aufgrund des jahrzehntelangen Erfolgs verinnerlicht hat?

Hermann: Das ist durchaus vergleichbar. Bei uns ist es nur nicht das Mia-san-mia-Gefühl ...

ZEIT: ... sondern: Wir sind die Mannschaft?

Hermann: Die Jungs sind ein echtes Team und verfügen über eine größere Gruppe an Führungsspielern, die auch in ihren Vereinen Verantwortung übernehmen und gleichzeitig die WM-Erfahrung mitbringen. Das ist eine Bank, die diese Mannschaft zum großen Teil ausmacht. Ich kann Ihnen sofort sechs, sieben Führungsspieler nennen, die in ihren Vereinen herausragend sind.

ZEIT: Hummels, Kroos ...

Hermann: ... Schweinsteiger, Müller, Neuer, Boateng, Khedira ...

ZEIT: Diese Spieler sind trotz ihrer Qualität charakterlich sehr unterschiedlich. Wie formt man sie zu einem Team?

Hermann: Sie haben doch alle spätestens 2014 gemerkt, welche Chancen man auf Nationalmannschaftsebene hat, wenn man zusammensteht. Gott sei Dank sind sie alle so unterschiedliche Typen. Nur deshalb können sie doch die Breite abdecken und schaffen es auch, die jüngeren Spieler mitzunehmen. Darin liegt der Schlüssel des Erfolgs: Jogi Löw führt, aber nicht als Alleinherrscher, sondern mithilfe der Führungsspieler, die seine Gedanken weitertragen. Und was man einfach merkt: Die Spieler sind weiterhin hungrig.

ZEIT: Woran merken Sie das?

Hermann: Ihre Fragen sind nach vorn gerichtet, sie haben produktive Ideen, sie wollen sich einbringen.

ZEIT: Spürt man das Fehlen von Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker beim Entstehen des Teams?

Hermann: Natürlich waren sie Säulen der Mannschaft. Aber an Führungspersonal hat es uns nie gemangelt, andere haben jetzt mehr Verantwortung übernommen, und das stärkt die Gesamtstruktur.

ZEIT: Thomas Müller wirkte in den vergangenen Monaten besonders auffällig durch seine selbstbewusste Außendarstellung Bayern Münchens. Wie wichtig ist seine sehr eigene, oft humorvolle Art für die Nationalmannschaft?

Hermann: Sehr wichtig. Aber das gilt für andere auch.

ZEIT: Was gibt er der Mannschaft?

Hermann: Wissen Sie, woran man merkt, ob eine Mannschaft lebt? Daran zum Beispiel, wie laut sie ist, wenn sie zusammen ist. Und an der Art, wie gesprochen wird. In diesem Team entsteht keine Stille, es besteht eine hörbar positive Grundstimmung. Vor allem vor dem Spiel. Thomas gehört zu den Initiatoren dieser Grundstimmung. Man hört die Spieler in der Kabine, sie wollen raus auf das Spielfeld, sie sind ein wenig unruhig und gleichzeitig positiv angespannt. Es ist wichtig, dass Führungsspieler diese Art der Kampfbereitschaft vermitteln. Es gäbe bei Thomas aber auch andere Beispiele.