Aaron ist ein Jahr alt und damit im Beikost-Alter. Zum Verdruss seiner Mutter bleibt er lieber bei der Urkost. Schafft sie es doch, ein Brokkoli-Molekül in seinen Mund zu manövrieren, passiert mit seinem Gesicht etwas, was seine Oma liebevoll als duck face beschreibt: Mit geschürzten Lippen versucht er, den Fremdkörper von seiner Zunge fernzuhalten. Gleichermaßen entengesichtig reagiert Aarons fünfjähriger Bruder Elias, wenn Spinat oder Kohlrabi auf seinem Teller landen.

Dabei ist ja angeblich alles eine Frage der Erziehung. Kreativität, Selbstbewusstsein, Willenskraft: Fast jede Tugend soll sich antrainieren lassen, wieso nicht auch Appetit auf Gesundes? Forscher haben immerhin schon einen Fachbegriff für die Abneigung gegen unbekannte Speisen gefunden: Neophobie. Klingt behandelbar. Also versuchen wir es. Die Familie von Aaron und Elias einschließlich Oma, Opa und Tante (ich) trifft sich zum Kohlrabi-Crashkurs für Elias und zum Brei-Bootcamp für Aaron.

Tipps und Tricks, wie man Kindern die ungeliebte Kost schmackhaft macht, finden sich in Ratgebern oder im Internet. Anregungen, die klingen, als könnten sie einen Besuch vom Jugendamt zur Folge haben, werden ignoriert: "Ein wirklich hungriges Kind isst alles ..." Am Ende steht eine Liste mit Tipps, die halbwegs plausibel klingen.

Strategie 1: Schöner essen

Bananen-Pinguine, Gurken-Eulen, Möhren-Rennwagen: Ganze Bildergalerien ihrer Kunstwerke stellen hochmotivierte Eltern im Internet zur Schau. "Seien Sie künstlerisch!", befiehlt der Elternratgeber Ketchupmonster und Erbsenpicker. Klingt einleuchtend, aber was soll man aus Brei gestalten? Sumpflandschaften?

Wir beschließen, die Methode an Elias zu testen. Im Esszimmer steht ein Rohkost-Teller für ihn bereit, darauf sein Name in Kohlrabistick-Buchstaben mit einem Radieschenherz als i-Punkt. Er liest, strahlt, "E-L-I-A-S! Da steht mein Name!" – und läuft in die Küche. "Was gibt es zum Essen?" Tja, wenn man sich bei der Gestaltung des Essens allzu viel Mühe gibt, wird es nicht mehr als solches erkannt.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es ohnehin fraglich, ob die Ästhetik von Speisen wirklich so eine große Rolle spielt. "Wichtig ist, dass die Nahrung mundgerecht serviert wird", sagt der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott. "Man greift eben lieber zu geschnittenem Obst als zum ganzen Apfel – das gilt ja auch für Erwachsene."

Strategie 2: Mitmachen lassen

"Was selbst gekocht oder gebacken wurde, schmeckt doppelt so gut", heißt es in einem Ratgeber der Verbraucherzentrale. Auch eine aktuelle Studie, erschienen im Fachmagazin Appetite, legt nahe: Kinder probieren neue Speisen bereitwilliger, wenn sie beim Zubereiten helfen durften. Gemeinsam mit rund 70 Grundschülern kreierten spanische Forscher exotische Häppchen wie Zucchini-Sandwiches und Spinat-Cracker. Eine andere Gruppe ließen sie Collagen aus Lebensmittelfotos basteln. Im Anschluss durften sich alle Kinder einen Snack aussuchen. Es gab typische Leckereien wie Schokolade, aber auch die selbst gemachten Gemüsehäppchen – und von Letzteren aßen die Kinder aus der Kochgruppe mehr als die aus der Bastelgruppe.