"Sorge um Jobs"

DIE ZEIT: 160.000 Menschen allein in Europa, weltweit sogar eine halbe Million Menschen sollen durch die Finanzkrise zusätzlich an Krebs gestorben sein. Das besagt eine Studie, die gerade im Fachjournal Lancet erschienen ist. Wie kommt es zu solchen Zahlen?

Harald Welzer: Arbeitslosigkeit führt zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit, also auch zu mehr Krebserkrankungen – das ist lange bekannt. Dieser Zusammenhang konnte nun mit der Studie noch einmal klar belegt werden. Aber sie zeigt eben auch, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Fortschreiten von Erkrankungen und einem nicht funktionierenden Sozial- und Gesundheitssystem.

ZEIT: In Deutschland sorgt eine allgemeine Krankenversicherung dafür, dass die meisten Menschen versichert sind, ob sie nun Arbeit haben oder nicht.

Welzer: Genau. Hier bekommen sie eigentlich immer gute medizinische Versorgung. Auch deshalb sind Deutsche von den Folgen der Finanzkrise weniger betroffen. Problematisch wird es, wenn ein Staat es den Bürgern überlässt, mit ihren Krankheiten zurechtzukommen, wie das etwa in den USA der Fall war.

ZEIT: Der Staat und die Politik sind das eine, was aber ist mit Konzernchefs – wie wichtig muss ihnen die Gesundheit ihrer Angestellten sein?

Welzer: Man muss einfach sehen: Das Wohlbefinden der Mitarbeiter ist ein entscheidender Faktor für das Funktionieren eines Unternehmens.

ZEIT: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen.

Welzer: Ja, aber wie gut die Erkenntnis dann umgesetzt wird, ist etwas ganz anderes. Viele Managemententscheidungen sind sehr kurzsichtig – der Prozentsatz an ungebildeten Managern ist genauso groß wie in der durchschnittlichen Bevölkerung.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Welzer: Dass viele Manager über bestimmte Zusammenhänge nicht Bescheid wissen. Oder dass sie, selbst wenn sie Bescheid wissen, andere Kriterien anlegen oder andere Prioritäten setzen – dass also nicht so sehr die Mitarbeiter im Fokus stehen.

ZEIT: Wie viel Weitsicht kann man von einem Konzernchef erwarten?

Welzer: Schauen Sie sich einfach mal die Autoindustrie an: Momentan stehen die Konzerne mit ihren Bilanzen vielleicht noch ganz gut da. Aber geben diese Bilanzen irgendeine Auskunft darüber, wie es in 20 Jahren aussehen wird? Viele Unternehmen in der Autobranche sind völlig fantasiefrei, sowohl was die Akzeptanz ihres Produktes angeht, als auch was ihre Konzernstrategie betrifft. Diese konzentriert sich nämlich vor allem darauf, in den Schwellenländern neue Märkte aufzutun. Das reicht aber nicht.

"Die Welt der Zukunft wird nicht so aussehen wie Wanne-Eickel oder Wolfsburg im Großen"

ZEIT: Die Mitarbeiter finden es sicher nicht schlecht, wenn sich ihr Arbeitgeber darum kümmert, möglichst viele Autos zu verkaufen.

Welzer: Vielleicht. Aber wenn ein Management so handelt wie das von VW, hat das verheerende Konsequenzen für die Identifikation. Es ist aber einer der wichtigsten Faktoren für Erfolg überhaupt, dass ein Mitarbeiter mit Stolz sagt: "Ich gehöre zum Unternehmen!"

ZEIT: So etwas müssen Manager bei ihren Entscheidungen also mitdenken.

Welzer: Auf jeden Fall. Wenn ein Management sich so verhält, wie Volkswagen es getan hat, wenn es mit einer solchen Ignoranz und Borniertheit agiert, dann ist das für das Betriebsklima und die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen furchtbar. Das ist sicher keine nachhaltige Unternehmensführung.

ZEIT: Wie nachhaltig ist VW denn aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Welzer: Ein Konzern wie VW muss sich damit auseinandersetzen, dass sich Mobilität in den nächsten Jahrzehnten drastisch verändern wird. Das Auto ist hier in Europa schon jetzt nicht mehr das Sehnsuchtsgut, das es einmal war, und es wird zunehmend unwichtiger als Fortbewegungsmittel. Wenn man dann einfach bloß dafür sorgt, dass man etwas, was sich hier nicht mehr besonders gut verkaufen wird, in anderen Teilen der Erde umso mehr verkauft, dann ist das ziemlich einfältig. Die Welt der Zukunft wird nicht so aussehen wie Wanne-Eickel oder Wolfsburg im Großen. Was Unternehmen wie VW derzeit machen, ist also keine nachhaltig angelegte Managementpolitik – es ist verantwortungslos in jeder Hinsicht.

ZEIT: Machen sich die Beschäftigten nicht auch selbst Gedanken darüber, wie zukunftsträchtig all das ist, was sie da zusammenschrauben?

Welzer: Selbstverständlich. Das ist die Expertenschaft von unten. Die fragen sich ganz konkret, ob das, was sie da tun, langfristig ihren Job sichert.

ZEIT: Wenn ein Mitarbeiter sich um den Arbeitgeber sorgen muss, kann das nicht gut sein.

Welzer: Nein. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist eine der zentralen Sorgen, die Menschen haben. In unserer Gesellschaft dreht sich alles genau darum. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, worüber am kommenden Sonntag in der Schweiz abgestimmt wird, würde den Menschen solche Sorgen nehmen.