ZEIT: Die Mitarbeiter finden es sicher nicht schlecht, wenn sich ihr Arbeitgeber darum kümmert, möglichst viele Autos zu verkaufen.

Welzer: Vielleicht. Aber wenn ein Management so handelt wie das von VW, hat das verheerende Konsequenzen für die Identifikation. Es ist aber einer der wichtigsten Faktoren für Erfolg überhaupt, dass ein Mitarbeiter mit Stolz sagt: "Ich gehöre zum Unternehmen!"

ZEIT: So etwas müssen Manager bei ihren Entscheidungen also mitdenken.

Welzer: Auf jeden Fall. Wenn ein Management sich so verhält, wie Volkswagen es getan hat, wenn es mit einer solchen Ignoranz und Borniertheit agiert, dann ist das für das Betriebsklima und die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen furchtbar. Das ist sicher keine nachhaltige Unternehmensführung.

ZEIT: Wie nachhaltig ist VW denn aus Ihrer Sicht aufgestellt?

Welzer: Ein Konzern wie VW muss sich damit auseinandersetzen, dass sich Mobilität in den nächsten Jahrzehnten drastisch verändern wird. Das Auto ist hier in Europa schon jetzt nicht mehr das Sehnsuchtsgut, das es einmal war, und es wird zunehmend unwichtiger als Fortbewegungsmittel. Wenn man dann einfach bloß dafür sorgt, dass man etwas, was sich hier nicht mehr besonders gut verkaufen wird, in anderen Teilen der Erde umso mehr verkauft, dann ist das ziemlich einfältig. Die Welt der Zukunft wird nicht so aussehen wie Wanne-Eickel oder Wolfsburg im Großen. Was Unternehmen wie VW derzeit machen, ist also keine nachhaltig angelegte Managementpolitik – es ist verantwortungslos in jeder Hinsicht.

ZEIT: Machen sich die Beschäftigten nicht auch selbst Gedanken darüber, wie zukunftsträchtig all das ist, was sie da zusammenschrauben?

Welzer: Selbstverständlich. Das ist die Expertenschaft von unten. Die fragen sich ganz konkret, ob das, was sie da tun, langfristig ihren Job sichert.

ZEIT: Wenn ein Mitarbeiter sich um den Arbeitgeber sorgen muss, kann das nicht gut sein.

Welzer: Nein. Die Sorge um den Arbeitsplatz ist eine der zentralen Sorgen, die Menschen haben. In unserer Gesellschaft dreht sich alles genau darum. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, worüber am kommenden Sonntag in der Schweiz abgestimmt wird, würde den Menschen solche Sorgen nehmen.