Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie immer, wenn ich mit dem Schlüssel vor der fremden Tür stehe – hinter mir drängeln die Kinder, neben mir stöhnt meine Frau: "Jetzt geh schon rein" – und mir die Fragen und Gedanken durch den Kopf schießen.

Vor uns liegen zwei Wochen Herbstferien. Wie die ausfallen, hängt davon ab, was uns hinter der Tür des Vorstadthauses in dieser ruhigen, mit Ahornbäumen gesäumten Straße in Washington erwartet: Wird uns zur Freude der Jungs ein Fernseher in Wandgröße entgegenglänzen wie in Rom? Kann es die CD-Sammlung der Besitzer mit jener unserer Gastgeber in Madrid aufnehmen? Und fährt sich der versprochene Honda in der Garage so gut wie der Volvo in Quebec?

Oder stellt sich gleich heraus, dass wir diesmal einem Riesenschwindel aufgesessen sind? Dass der Schlüssel nicht passt. Dass nach längerem Herumgestochere am Schloss ein Mann erscheint und fragt, was wir um Gottes willen in seinem Haus wollen. Und dass genau in diesem Moment jemand in unserer Berliner Wohnung in aller Ruhe Schränke und Schubladen inspiziert und unsere Wertsachen mit unserem Auto abtransportiert.

Doch halt, die Tür geht auf, und wir betreten eine typisch amerikanische Küche: Neben dem überdimensionierten Gasherd steht eine Flasche kalifornischer Wein, im XXL-Kühlschrank finden sich Schinken, Käse, Milch und Bier für die ersten Tage. Die Betten sind frisch bezogen. In jedem Bad liegt ein Stapel Handtücher und auf dem Wohnzimmertisch ein Brief von Nancy und Roger: "Welcome to Washington!" Sie hoffen, dass wir uns bald wie zu Hause fühlen. "Benutzt, was Ihr braucht."

Nancy und Roger sind die Besitzer dieses Hauses. Doch in den nächsten zwei Wochen werden wir uns darin breitmachen – und sie sich in unserer Wohnung in Prenzlauer Berg. Wir sind Homeswapper, Haustauscher. Vor vier Jahren haben wir diese Form des Reisens entdeckt: Zwei Parteien finden sich über eine Internetplattform und vereinbaren, sich gegenseitig kostenlos ihre Wohnung oder ihr Haus zu überlassen, mal nur für ein paar Tage, mal für mehrere Wochen. Neun Länder und Städte haben wir bislang auf diese Weise erkundet: von Rom, Paris oder Amsterdam bis zu den Vereinigten Staaten und Kanada.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Per Wohnungstausch lässt es sich preiswert verreisen, da man das Geld für Hotel, Apartment oder Mietauto spart. Für einen echten Haustauscher ist diese Art des Ferienmachens jedoch mehr als eine billige Urlaubsform: die Möglichkeit, in einen unbekannten Alltag einzutauchen und ein klein wenig wie ein Einheimischer zu leben. So hätten wir als Hotelgäste in Washington wohl nie den Brauch des amerikanischen Vorabendcocktails kennengelernt. Und auch Barack Obama hätten wir ohne Nancy und Roger nie getroffen.

Dabei waren die beiden nicht mal unsere erste Wahl – und wir nicht ihre.

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Washington stand schon lange auf unserer Wunschliste. Zwei Wochen im sonnigen Herbst, so nah wie möglich an Museumsmeile und Weißem Haus: Das war der Plan. Außerdem wollten wir, wie immer, eine Familienwohnung. Denn dort dürfen wir auf Kinderzimmer, Fahrradhelme und Kindersitze fürs Auto hoffen – und auf Verständnis, wenn einer der Jungs im Garten einen Rosenstrauch umkickt. Doch beim Blättern im digitalen Katalog konnten wir keine Wohnungswechselwilligen mit Kindern entdecken: Die Washingtoner Herbstferien begannen erst im November, unsere im Oktober.

Haustausch beruht auf Gegenseitigkeit, beide Parteien müssen sich finden, Zeit haben und wollen. Bei der Suche nach geeigneten Kandidaten helfen die Steckbriefe, die jeder Nutzer auf der Plattform erstellt. "Hell, behaglich, im beliebtesten Viertel Berlins", so preisen wir unsere Wohnung auf HomeExchange in englischer Sprache an. Dazu haben wir ein Dutzend Fotos eingestellt, die unsere Wohnung in günstigem Licht erscheinen lassen (das Wohnzimmer aufgeräumt, der Balkon mit blühenden Blumen), und loben den Charme unseres Viertels: den Park zum Joggen, den Eisladen von gegenüber, den Biomarkt am Wochenende.

Man hakt dann noch an, wen man sich als Tauschpartner wünscht (in unserem Fall: Familien mit Kindern) und wen eher nicht (Raucher und Haustierbesitzer), und nennt Wunschziele und Reisezeiten.

Für Amerikaner, Australier und Kanadier, die ein anderes Verhältnis zu Entfernungen haben, folgt in unserem Profil außerdem noch der Hinweis, dass Städte wie Hamburg oder Dresden ganz in der Nähe sind – "just two hours away".

Ein gewisser Enthusiasmus bei der Selbstbeschreibung ist durchaus erlaubt. Nur sollte man es mit dem Aufhübschen nicht zu weit treiben: Haustauscher suchen das Nichtkommerzielle, das Echte. Eine persönliche Note erhöht da die Chancen. Ein paar Jahre lang haben wir etwa ein Foto von uns in Quebec auf die Seite gestellt: Papa, Mama und zwei Jungs in Taucheranzügen nach dem Paddeln. Das sah nicht für alle vorteilhaft aus, aber irgendwie sympathisch.

Unser Profil ist beliebt, wir haben zwei bis drei Anfragen pro Woche – aus Paris, Karlsruhe, Barcelona, Toronto, Aarhus, Sacramento. Doch wer selbst sucht, bekommt eher, was er will. Bei unseren Wunschwohnungen waren daher immer wir es, die Kontakt aufnahmen.