Serie: Das Erbe der Kolonialzeit (4). Welche Spuren hat der Kolonialismus hinterlassen? Dieser Frage widmen wir uns in loser Reihe. Den Auftakt machte der Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard. Hier schildert der indische Publizist Pankaj Mishra, wieder moderne Heilige Krieg aus den antiimperialen Befreiungskämpfen des 19. Jahrhunderts hervorging.

Der erste Heilige Krieg des modernen Zeitalters begann 1813 in Deutschland mit dem Kampf gegen Frankreichs militärischen und kulturellen Imperialismus. Mit seinen starken religiösen Leidenschaften nahm dieser Konflikt den fanatischen Dschihad radikaler Muslime von heute vorweg.

Der Theologe Friedrich Schleiermacher leitete den Befreiungskrieg mit einer Predigt ein (später kehrte er auf die Kanzel zurück, um den Sieg zu verkünden). Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte brach seine Vorlesung ab und ermahnte seine Studenten, so lange zu kämpfen, bis sie die Freiheit erlangt oder den Tod gefunden hätten. Der Dichter Theodor Körner schrieb vor seinem eigenen Märtyrertod für die deutsche Sache von einer "Hochzeit" mit dem Vaterland. "Es ist ein Kreuzzug", tönte er, "’s ist ein heil’ger Krieg!" Und der Dramatiker Heinrich von Kleist rief in seinem Kriegslied der Deutschen dazu auf, die Franzosen auszurotten wie jene wilden Tiere, die einst Europas Wälder durchstreiften. "Der Teufel" wurde Napoleon in Deutschland weithin genannt.

Dieser "Teufel" war ein Imperialist im modernen Sinne. Nicht nur plünderte er die Ressourcen in den eroberten Gebieten: Er politisierte auch den aufklärerischen Begriff der universellen Rationalität, indem er allen unterworfenen Völkern sein Gesetz, den Code Napoléon, und das metrische System aufzwang.

Ein Imperialismus dieser Art, der ganze Gesellschaften umzugestalten trachtet, die Menschen zu moralischen und geistigen Untergebenen macht und sich dabei als "zivilisatorische Mission" versteht, kann im Gegenzug grimmige Beschwörungen der eigenen Kultur, Tradition und Religion provozieren. Die folgenden beiden Jahrhunderte haben dies immer wieder gezeigt. Überall entlud sich in den kolonisierten Territorien die schwelende Wut der Einheimischen auf ihre Kolonialherren: Der indische Aufstand von 1857, der Mahdi-Aufstand im Sudan zwischen 1881 und 1899 und der Boxeraufstand in China 1899 bis 1901 kündeten von dem verzweifelten Verlangen, eine verblassende oder untergegangene soziokulturelle Ordnung wiederzubeleben.

Ein Zeitgenosse, der das früh verstand, war der russische Schriftsteller Leo Tolstoi. In seinen Kommentaren zum muslimischen Widerstand gegen die zaristischen Expansionskriege im Kaukasus Mitte des 19. Jahrhunderts brach er mit der allgemeinen Überzeugung, dass die Russen den Völkerschaften dort die Zivilisation brächten. In einem Brief an seinen Bruder schrieb er 1851 sarkastisch vom Ort des Geschehens: "Ich werde mein Bestes geben, um mithilfe einer Kanone die Auslöschung heimtückischer Raubtiere und widerspenstiger Asiaten zu unterstützen." Seine große Novelle Hadschi Murat, entstanden zwischen 1896 und 1904, verurteilt den brutalen russischen Krieg gegen die muslimischen Stämme unmissverständlich. Tolstoi wusste, dass für Menschen, die Widerstand gegen eine imperiale Zentralgewalt leisteten, nicht weniger als eine ganze Lebensweise auf dem Spiel stand.

Als Tolstoi Hadschi Murat verfasste, wusste er von einigen der vielen antiimperialistischen Kriege des 19. Jahrhunderts, die den Charakter eines Heiligen Kriegs annahmen. Insbesondere dürfte ihm der große indische Aufstand bekannt gewesen sein, den die Briten Sepoy-Aufstand nennen.

Auslöser dieser blutigen Rebellion, die Muslime und Hindus vereinigte, war die Angst vor einer Christianisierung. Fatwas forderten die Gläubigen zum Dschihad auf. 1857 explodierte die Gewalt im gesamten nördlichen Indien. Etliche Europäer wurden ermordet, auch Frauen und Kinder fielen den Aufständischen zum Opfer. Die Briten beantworteten die Massaker mit nicht minder brutaler Gewalt.

Aus den fast zweijährigen Kämpfen ging die Kolonialmacht als Sieger hervor. Sie brach die jahrhundertealte muslimische Macht über Indien und zwang die muslimischen Eliten dazu, sich zu fügen. Die Muslime zogen sich aus dem öffentlichen Leben zurück, und in der Folge begann sich überall in Indien der Hindu-Nationalismus zu entwickeln, der sich einer Reform des Hinduismus und der Wiedererlangung seiner verlorenen Pracht verschrieb. Seine Anhänger legten die Saat zu einer religiös-kulturellen Bewegung, die sich zeitweise auch von den faschistischen Parteien Italiens und Deutschlands inspirieren ließ.