Man muss sich Hieronymus Bosch als einen Hipster des Mittelalters vorstellen. Nicht dass er Bart oder das damalige Äquivalent zum Holzfällerhemd trug – wie der niederländische Renaissancemaler tatsächlich aussah, ist unbekannt. Es war sein in jeder Hinsicht fantastisches Werk, das ihn zu einem Trendsetter und Stilvorbild seiner Zeit machte. In seiner Malerei schuf er eine Welt des Schreckens und der Lust und war damit seiner Zeit voraus.

Sein Ruf verbreitete sich in ganz Europa. Wer etwas auf sich hielt, wollte einen Bosch besitzen, koste es, was es wolle. Und seine Künstlerkollegen? Sehnten sich nach einem ähnlichen Erfolg und eiferten ihm nach. Sie kopierten seinen Stil, seine Bildwelten oder übernahmen zumindest seine abgedrehten Motive: höhnisch grinsende Gestalten, Monster, Mutanten, Fabelwesen aus der Unterwelt.

Die Wirkung dieses Ausnahmetalents auf die nachfolgende Künstlergeneration aufzeigen: Diesen Ansatz verfolgt die Ausstellung Verkehrte Welt. Das Jahrhundert des Hieronymus Bosch, die von Samstag an im Bucerius Kunst Forum zu sehen ist. Mit diesem Konzept fügt sie der Blockbuster-Schau, die anlässlich seines 500. Todestages zuvor in Boschs Heimatstadt ’s-Hertogenbosch zu sehen war, einen kleinen, aber entscheidenden Teil hinzu: Sie erlaubt einen pointierten Überblick über die sich verändernde Rezeption seines Werkes seit dem Ende des Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert hinein.

Da wären, vor allem, die Monster: Bis heute haben sie das Zeug, empfindsame Seelen das Gruseln zu lehren. Das war zu Boschs Lebzeiten nicht anders. Da aber relativ bald nach seinem Tod die Angst vor der Hölle und den damit verbundenen Qualen abnahm, dienten infernalische Darstellungen fortan vor allem zur Befriedigung der Schaulust. Sie waren pures Entertainment, losgelöst aus ihrem christlichen Kontext. Eindrücklich nachzuvollziehen ist das etwa auf einem Blatt mit Phantastischen Figuren, das um 1600 entstand: Die abgebildeten Gestalten – gehörnte, krallenfüßige, kopfüber in Fässern steckende, verwachsene, urinierende Fabelwesen – werden hier ohne jegliches Narrativ dargestellt. Die Pointe dabei: Solche Figuren hat Hieronymus Bosch selbst nie gemalt, auch wenn die lateinische Inschrift "Ieron. Bosch Invent." – "von Hieronymus Bosch erfunden" – genau das nahelegt.

Bosch war zu diesem Zeitpunkt längst eine Marke. Es genügte, auf ihn zu verweisen und etwas Ähnliches aufs Papier zu bringen, schon hatte man gute Chancen auf einen Verkaufsschlager. Viele dieser gedruckten Blätter erschienen in Antwerpen bei Hieronymus Cock, dessen Verlagshaus Aux Quatre Vents den internationalen Markt bediente. Die Zielgruppe: das Bürgertum, das zunehmend Wert auf Bildung, gutes Benehmen und Impulskontrolle legte und sich solche Stiche zum Amüsement an die Wand hängte.

Seltene Einblicke in Geschmack und Seelenhaushalt des Menschen im 16. Jahrhundert geben die hölzernen Architekturelemente, die der Kurator Michael Philipp zusammengetragen hat. Da sind Konsolen und Strebebalken, die an die Wände der guten Stube geschraubt wurden und die Deckenbalken stützten, sowie überlebensgroße Frauen-Skulpturen, die einst Schiffshecks zierten. Sie sind aufwendig geschnitzt und reichlich verziert – allerdings mit überaus grotesken Motiven: Fratzen, Masken, gehörnten Satyrn.

Das Böse schlechthin, es wurde auf diese Weise domestiziert.

Statt mit klotzigen Superlativen feiert diese Ausstellung die "verkehrte Welt" des mittelalterlichen Malerfürsten mit einer Fülle von sorgsam belegten und untereinander in Beziehung gesetzten Artefakten. Wie ein drogensüchtiger Psychopath, als der Hieronymus Bosch im Laufe der Rezeptionsgeschichte mal abschätzig, mal bewundernd hingestellt wurde, wird er hier erfreulicherweise nicht behandelt. Das entsprach ganz offensichtlich auch weder dem Bild, das seine direkten Nachfolger von ihm hatten, noch wird es durch den aktuellen Stand der Forschung belegt. Warum dieser Künstler bis heute begeistert? Weil er selbst dem abgeklärtesten Zyniker noch Rätsel aufgibt. Deren Lösung? Weiß der Himmel.