Die Worte des obersten Glaubenshüters waren visionär: Eine Bastion gegen Extremisten und Fanatiker solle seine Universität werden, ein Ort der Toleranz und Mäßigung. Das versprach Ahmed al-Tajjib bei seinem Amtsantritt als Großscheich der Kairoer Glaubenshochburg Al-Azhar im Jahr 2010. Jetzt löst er sein Versprechen ein.

Al-Azhar, die Blühende, ist nicht nur eine der ältesten und größten Universitäten der Welt. Sie ist auch die wichtigste theologische Autorität des sunnitischen Islams. Zwar lässt sie sich nicht gleichsetzen mit dem Vatikan, ihr Oberhaupt nicht mit dem Papst – der Islam kennt keine Kirche. Dennoch gilt: Wie hier Religion gelehrt wird, ist Maßstab für viele Millionen Muslime auf der ganzen Welt. 350.000 Studenten hat die Universität, sie kommen aus Ägypten, Marokko, Nigeria, Indonesien, Bosnien. Seit über 1.000 Jahren ist die Azhar Hort sunnitischer Orthodoxie.

Und ließ damit für Reformideen kaum Raum. Die Curricula sind veraltet, die jahrhundertealten Koraninterpretationen sunnitischer Gelehrter werden weitergereicht, ohne sie zu hinterfragen, ohne sie an die heutige Welt anzupassen. Eine erstarrte Institution, gefesselt an die Tradition. Gegen Reformdenker in Ägypten gehen Azhar-Gelehrte beharrlich vor, beschuldigen sie der Blasphemie oder erklären sie zu Apostaten – wie den religionskritischen Publizisten Faradsch Fauda. Er wurde 1992 von religiösen Fanatikern ermordet, die sich auf die Aussagen einiger Azhar-Professoren beriefen.

Glaubenskonservatismus kann furchtbare Folgen haben. Nun will Al-Tajjib mehr Bewegung in die Lehranstalt bringen, denn eine Alternative zum Fundamentalismus wird seit dem Aufstieg des "Islamischen Staates" dringend benötigt. Die Universität will ja schon lange einen Islam der Mitte, hatte stets auch gemäßigte Theologen in ihren Reihen. Allerdings gehörte zu den Absolventen auch der Terrorist Aiman al-Sawahiri, Vize-Chef von Al-Kaida. Selbst wenn der sich nicht an der Universität radikalisiert hat: Von genau solchen militanten Islamisten distanziert sie sich.

Also geht der Großscheich auf Friedensmission. Vergangene Woche besuchte er Papst Franziskus im Vatikan. Die ersten Kontakte zwischen dem Vatikan und Al-Azhar waren 2011 vom Scheich selbst abgebrochen worden – weil Papst Benedikt forderte, Ägypten solle die koptischen Christen im Land besser schützen. Damals beschied Kairo, diese Forderung sei eine Einmischung in nationale Angelegenheiten. Offenbar hat Tajjib sich jetzt eines Besseren besonnen: Die beiden Religionsführer umarmten sich herzlich, ihr Treffen sei ein "Zeichen gegen den Terror", sagte Franziskus. Rom war aber nur eine Station auf einer Werbetour der Azhariten durch Europa.

Kurz vor Ostern hatte der Großscheich erstmals Deutschland besucht. Er sprach im Berliner Reichstag und auf einer "Konferenz der Weltreligionen" in Münster. Seine Botschaft auch hier: Der Islam sei eine grundsätzlich friedliche Religion, die Gewalt nur zur Selbstverteidigung rechtfertige. Der Koran rufe nicht zum Krieg gegen Andersgläubige auf. – Dann detonierten eine Woche nach Tajjibs Auftritt in Brüssel die Bomben und töteten über 30 Menschen.

Was sagt der Hüter des sunnitischen Islams zum Terror im Namen des Islams? Während seines Deutschlandbesuches gewährte der Scheich der ZEIT ein kurzes Interview. Schloss Wilkinghege, ein Salon im ersten Stock, Spätrenaissance, Tajjib ist gekleidet in ein graues, knöchellanges Gewand mit Stehkragen, dazu trägt er eine rote Kopf- bedeckung mit weißem Tuch darum – das azharitische Habit. Ein halbes Dutzend Berater umringt ihn, auch der ägyptische Botschafter ist zugegen. Es gibt Tee und Wasser, die Nachmittagssonne heizt den Raum auf.

Eure Eminenz, sind die Terroristen des "Islamischen Staates" Muslime? "Nein, ihr Denken und Handeln widerspricht den Grundsätzen des Islams. Al-Azhar distanziert sich von ihnen." Dass es mit dem Distanzieren allein nicht getan ist, weiß der Scheich und breitet deshalb ausführlich aus, wie die Azhar den Extremismus bekämpft: Sie sendet Delegationen in die Welt, die Friedensbotschaften verkünden. Sie schickt Prediger in die Provinzen, die über Fanatismus aufklären. Sie hält Konferenzen über Terrorbekämpfung ab.