Auf das Boot meines Liebsten
geht mein Liebster an Bord,
um zum Fischen zu fahren.
Und ich rufe hinaus, wohin fährt das Boot meines Liebsten?
Ich bekomme keine Antwort.
Das Boot am Horizont, mit weißem Mast,
ist es nicht das meines Liebsten?
Ich kann ihn nicht sehen, meinen Liebsten,
weil Tränen meine Augen trüben.

(Lied nordkoreanischer Fischer, gedichtet von ihren Frauen)

Weiß sind die Wände, weiß die Regale, in denen Akten stehen, die in weißen Karton gebunden sind. Die Menschen, die hier arbeiten, tragen weiße Anzüge. Ein Raum, steril wie ein Labortrakt, so wie in vielen japanischen Gemeindeämtern. Weiße Schutzhelme hängen geordnet an den Wänden, sogar der Fußboden: ein helles Beige. Der Abteilungsleiter Kiyoshi Tanaka bringt einen Stapel Papiere an den Tisch, an dem er Besucher empfängt. In seiner Brille spiegelt sich der weiße Dampf, der hektisch aus einem Luftbestäuber quirlt. Draußen vor den Fenstern tobt ein Schneesturm, der durch die kahlen Äste niedriger Bäume weht, ein letztes Aufbäumen des Winters. Der Wind reißt an den Zweigen, hebt sie und drückt sie nieder, um sie erneut in die Höhe zu peitschen.

"Wir sind es gewohnt, seltsame Dinge an unserer Küste zu finden", sagt Tanaka in der Ortsverwaltung von Sai, einem einsamen Fischerdorf aus wenigen hundert Holzhäusern. Es liegt auf Honshu, der Hauptinsel Japans, ganz oben an der äußersten Nordwestspitze. Die Küste fällt hier oft Hunderte Meter steil ab ins Meer. "Wir finden Müll aller Art", sagt Tanaka. Er berichtet von Frachtcontainern, die sich losgerissen haben, von Polstermöbeln, die auf den Wellen treiben, Chemikalientonnen, Brettern, Metallstreben, oft weiß er nicht mal, was das genau ist, das da an den Strand gespült wird. Die Strömung treibt ihm alles zu, was im Meer seinen Halt verlor.

Tanakas Aufgabe ist es, das Strandgut nach Vorschrift zu beseitigen, es auf die Deponie fahren oder verbrennen zu lassen. Eine wenig aufregende Tätigkeit in dem 2000-Seelen-Dorf.

Bis im Meer vor der Küste etwas auftauchte, das aus einem Schauermärchen zu kommen schien. Die Armada der Toten. Boote von altertümlicher Bauweise, kieloben treibend oder noch völlig intakt, leer oder mit Leichen im Rumpf.

Herr Tanaka schlägt die Akte auf, die auf ihrem Deckblatt den Vermerk "Hyouchakusen" trägt. Manövrierunfähige Schiffe. Tanaka zeigt die Karte des Gemeindegebiets, auf der er die Fundorte eingezeichnet hat. Fünf Punkte, die für fünf schwarz gestrichene Schiffe stehen. Drei davon kleine, leere Beiboote aus Fichtenholz, die anderen beiden: große Fischerboote.

Das erste wurde am 27. Oktober 2015 entdeckt. Fundzeit, liest Tanaka aus der Akte vor: gegen 8.30 Uhr. Fundort: kieloben treibend an einem Wellenbrecher vor der Küste. Länge: zwölf Meter, Breite: drei Meter. Fünf Meter vom Schiff entfernt auf dem Basalt des Wellenbrechers ein männlicher Toter, das Gesicht von Fischen zerfressen.

Tanaka ließ das Schiff von einem Abrissunternehmer zerlegen und später in einer Müllverbrennungsanlage verfeuern. Einen Monat nach der Entdeckung dieses ersten Bootes erreichte Sai das nächste rätselhafte Schiff.

Geisterschiffe werden sie von der Presse genannt. Sie tauchen auf aus dem Nirgendwo. Nicht nur in Sai, sondern überall entlang der japanischen Westküste, manchmal im Abstand weniger Tage. 37 dieser geheimnisvollen Boote mit Dutzenden von Toten wurden in Japan allein im zurückliegenden Winter entdeckt. Mehr als 283 Schiffe waren es nach Angaben der Küstenwache in den vergangenen vier Jahren. Inzwischen berichten meist nur noch die Lokalblätter, so sehr sind die Geisterschiffe Alltag geworden in diesem Land mit einer Küste von 29.800 Kilometer Länge. Damit die überregionalen Medien auf sie aufmerksam werden, müssen schon gleich vier Schiffe an einem Ort aufgefunden werden – wie vergangenes Jahr einmal geschehen.

Die Tür von Tanakas Büro öffnet sich, Schneeflocken wirbeln herein, ein Mann mit weiß überschneiter Regenjacke tritt in den Raum. "Die Straßen sind kaum noch befahrbar", sagt Yukihito Sakai. Er ist der Vorsitzende der Fischerei-Kooperative und wurde von Tanaka hergebeten; fast wäre er auf dem Weg im Sturm stecken geblieben.

Sakai hat mit seinem Fischerboot das zweite Geisterschiff der Gemeinde Sai geborgen. "Ich träume immer noch von diesen Tag", sagt er. Der 2. Dezember 2015, gegen elf Uhr. Das gekenterte Boot hatte sich in einem Fischernetz verfangen, vier Leichen entdeckte man in seinem Rumpf. "Dieses Schiff werde ich in zwei Monaten zerstören lassen", sagt Tanaka mit Blick in die Akten, "falls es bis dahin niemand als sein Eigentum eingefordert hat." So schreibt es in diesem Teil Japans das Gesetz vor.

Tanaka schaut von den Unterlagen auf. Der Schneesturm draußen wird immer stärker. Das Wetter an der Nordwestspitze von Honshu ist in seiner Launenhaftigkeit extrem, selbst für einen Ort am Meer. An der Küste wechseln sich Dörfer ab, die der Wind von Schnee frei bläst und die er in Schnee versinken lässt. Wie Sai. "Ich kann euch zu diesem Schiff führen", sagt der Fischer Sakai. Aber man müsse das Ende des Sturmes abwarten. Der Ort, zu dem sie das Schiff gebracht haben, oben in den Bergen, weit weg von den Häusern der Fischer, sei jetzt unerreichbar.

Die Armada der Toten ist Zeugnis einer der größten Katastrophen, die sich gegenwärtig auf den Weltmeeren abspielt. Sie nimmt ihren Anfang auf der anderen Seite des Meeres, 1100 Kilometer entfernt. 1100 Kilometer, auf denen es nichts gibt als schwarze Wellen, die sich unentwegt aufrollen, sich ewig senken, sich ewig heben. Die Japaner nennen es das "Japanische Meer", die Nordkoreaner nennen es "Koreanisches Ostmeer" und die Südkoreaner nur "Ostmeer". So viel Streit liegt über dem Wasser.

Opfergaben für die Geister der See

Am koreanischen Ufer lebt Rhee Cheol-Soo*, 45, ein Mann, schmal, fast knochig, der zwei Gesichter hat: ein ängstliches und ein überhebliches. Bis vor wenigen Monaten wohnte er in Nordkorea und besaß sein eigenes Fischerboot. Er ist einer von sehr wenigen Fischern, die es in den vergangenen Jahren geschafft haben, aus Nordkorea zu fliehen. Jetzt sitzt er in einem Hotel in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und bittet, seinen tatsächlichen Namen nicht zu veröffentlichen, weil seine Frau und seine Kinder noch im Norden sind. Drei Tage lang wird er von der Geschichte seines Schiffs erzählen.

"Das Wetter war sehr gut", erinnert sich Rhee an jenen Morgen im März, an dem er aufbrach. Die erste Fischfahrt des neuen Jahres. "Der Wind blies nur schwach vom Norden her, und das Meer war ganz sanft."

Rhee lebt zu dieser Zeit in der Hafenstadt Kimchaek an der Ostküste Nordkoreas. Er ist aufgeregt an jenem Morgen, nach all den Monaten an Land, in denen dicke Eispanzer vor der Küste lagen. Es ist noch kalt, als er aus der Tür in die Dämmerung tritt. Rhee trägt Plastiktüten, in die er die Kleider für die Wochen auf See gepackt hat. Die Tage zuvor war er damit beschäftigt, den Motor des Bootes zu überholen. Er hat ihn probeweise angeworfen, das Geräusch klang gut: satt und gleichmäßig. So erinnert sich Rhee Cheol-Soo an den Beginn der Fahrt, die ihn und seine Mannschaft ins Unglück führen wird.

Rhee ist in einer Bergarbeiterstadt aufgewachsen, er hat Schweißer gelernt. Mit 10 Jahren begann er zu rauchen, als er 13 war, starb sein Vater nach einer falsch gesetzten Injektion. Die Hälfte seiner Unterrichtsfächer behandelte die Revolution von Kim Il Sung, dem Gründer der Demokratischen Volksrepublik Korea. Rhee wurde Soldat und Mitglied der Kommunistischen Partei.

Als die Sowjetunion zerfiel und Nordkorea seinen wichtigsten Handelspartner verlor, kam es im Land zu Hungersnöten. Damals, 1994, baute Rhee sein erstes Fischerboot. Drei Meter lang, aus Metall, er war ja Schweißer. Es hatte kein Segel, keinen Motor, nur ein Paar Ruder. So begann er zu fischen. Rhee gehört zu den Zehntausenden Nordkoreanern, die in den vergangenen Jahren zu Fischern wurden. Einige entscheiden sich dazu aus Not, andere aus Ehrgeiz. Sie wollen die Fische nicht nur essen, sondern auch verkaufen. Weil sie mehr wollen als nur überleben.

An diesem Morgen, als Rhee zur ersten Fahrt nach dem Winter aufbricht, versammeln sich die Familien am Ufer. Mittlerweile besitzt Rhee ein großes Schiff, zwölf Meter lang, vier Meter breit. Die Frauen der Fischer haben besondere Speisen gekocht, sie an Bord angerichtet, zu einer Pyramide geschichtet. Rhee legt auf die Spitze den Schweinskopf, den er am Vortag gekauft hat. Ein altes schamanistisches Ritual in diesem Land, in dem Religion offiziell als fast ausgerottet gilt.

Rhee und seine vier Besatzungsmitglieder nehmen vor den Opfergaben Aufstellung und verbeugen sich dreimal. Rhee beschwört die Geister der See, er bittet sie um Milde und reichen Fang. Sie laufen von hinten nach vorne das Schiffsdeck ab und verschütten Schnaps in alle Richtungen. Dann packt Rhee den Schweinskopf mit beiden Händen und wirft ihn über den Bug.

"Die Partei hat uns die Gebete verboten", sagt Rhee im Hotelzimmer in Seoul. Aber die Fischer würden einander nicht verraten. "Wir halten zusammen", sagt Rhee. "Wir müssen zusammenhalten."

Sie haben Vorräte für vier Wochen an Bord. Trinkwasser in Plastikkanistern, das ganze Deck haben sie damit vollgestellt, 15 Säcke Reis zu 20 Kilogramm, 300 Kilogramm Eis, um unterwegs den Fang zu kühlen. Die Männer und ihre Frauen verabschieden sich wortlos. Es bringe Unglück, sagt Rhee, wenn man beim Aufbruch einander umarmt oder sich ein Wiedersehen wünscht. Sie werden sich umarmen, wenn sie glücklich und mit reicher Ausbeute wieder nach Hause kommen. Jetzt aber lösen die Männer die Leinen, starten den Motor, entfernen sich langsam vom Ufer und sehen stumm zu den Frauen zurück.

Kieloben treibt das Boot, nur wenige Zentimeter schwarzen Holzes ragen aus dem Wasser, als in Japan der Fischer Sakai das Wrack zum ersten Mal sieht, im Dezember 2015. Ein anderer Fischer, Mitglied seiner Kooperative, hat ihn am Morgen angerufen. Seit zwei Tagen schon, erzählte er, hänge ein großes Boot in seinem Netz. Weil die See so unruhig gewesen sei, habe er es nicht bergen können. "Jetzt hatte er Angst, dass das Boot sein Netz zerstört", sagt Sakai.

Als Sakai mit seinem Boot an das Geisterschiff heranfährt, entdeckt er ein Tau, am Rumpf befestigt. Seine Leute machen es an ihrem Heck fest, Sakai schaltet den Motor höher und zieht das verunglückte Schiff in Richtung Hafen. Für die Fahrt, die sonst nur eine Viertelstunde dauert, braucht er fast drei Stunden, so schwer ist die Last.

Im Hafen angekommen, hieven zwei Kräne das abgeschleppte Boot auf den Kai. Sakai sieht, dass aus den Öffnungen des Decks Beine baumeln. "Arme Teufel", denkt Sakai. "Fischer wie wir."

Die ersten Tage sind Rhee und seine kleine Crew guter Stimmung. Der Jüngste an Bord ist erst 16 Jahre alt. Ihn schicken sie in die mit Salz ausgelegten Fischkammern, er muss das Deck schrubben. Den Mann am Motor nennen sie den "Operator", er repariert und wartet die Maschine, ein schweigsamer Mann, der seit zwei Jahren mit Rhee auf Fahrt geht.

Sechs Stunden nach Ablegen erreichen sie den letzten Kontrollposten der Volksrepublik an der Küste. Ein kleines Wachgebäude mit Funkstation auf dem Uferdamm. Kapitän Rhee legt an, zeigt die Papiere der Mannschaft, die meisten davon gefälscht. Die Dokumente weisen die Männer als Militärangehörige aus, so muss er weniger Bestechungsgeld zahlen. Die meisten Regularien lassen sich im Lande der Kims mit Schmiergeld außer Kraft setzen. Rhee sagt, er sei ein Künstler der Korruption.

Die Küstenwache kontrolliert, wie viel Diesel sie an Bord haben. Eine Maßnahme, die verhindern soll, dass sich Fischer mit ihrem Boot ins Ausland absetzen. Die Beamten stellen ihnen einen Passierschein für 15 Tage aus, so lange dürfen sie auf dem Meer bleiben. Kehren sie erst nach der Frist zurück, müssen sie noch mehr Schmiergeld zahlen.

Gegen Abend erreicht Kapitän Rhee mit seinem Schiff, das keinen Namen hat, nur eine amtliche Nummer, die offene See. Es ist bereits dunkel, als sie beginnen, das Netz auszuwerfen. Rhee hat es auf dieser Fahrt auf Seeteufel und Meeräschen abgesehen. Er hält das Steuer, zwei Mann stehen backbord, zwei steuerbord. Sie verknoten die zehn jeweils hundert Meter langen Netze zu einem einen Kilometer langen Schlauch. An beiden Enden befestigen sie eine weiße Boje. Langsam lassen sie das lange Netz ins Wasser. Dann setzen sie sich an den Bug, verzehren den Rest des Essens, das ihnen die Frauen mitgegeben haben, und trinken Reisschnaps – aber nicht zu viel, wie Rhee betont. "Wir müssen aufpassen, damit unser Netz nicht gestohlen wird." Bevor die Mannschaft in die Schlafkammer klettert, arbeitet Rhee einen Schichtplan für den Wachdienst aus. Alle zwei Stunden werden sie sich in der Nacht abwechseln.

In den Gewässern vor Nordkorea gibt es viele Diebe. Fischer, die einander die Beute abjagen. So groß ist die Not im Land, so viel Geld lässt sich mit dem Fisch machen. "Ich wurde oft bestohlen", sagt Rhee. "Und ich habe auch selbst Netze gestohlen." An Bord haben sie einen Sack mit 50 Kilogramm Steinen. Munition, um Angreifer abzuwehren. Rhee weiß von Kämpfen, bei denen Fischer ihre Boote gegenseitig mit Molotowcocktails in Brand gesetzt haben.

Am nächsten Morgen ziehen sie das Netz wieder ein, mit den Händen, Knochenarbeit, zwei Mann am linken Führungsseil des Netzes, zwei am rechten. Trotz Handschuhen reißen die Finger auf, bilden sich blutige Blasen. Rhee steuert, die anderen wuchten das Netz an Bord. Es ist voller Fische. Rhee flucht, weil die Männer zu langsam ziehen, das Netz zu viel Spiel bekommt, "faule Säcke!", ruft er, "Träumer!".

Das Einziehen des Netzes, sagt Rhee, sei wie eine Schlacht. Beeilen sich die Männer nicht, kann es unter den Kiel geraten, in die Schiffsschraube hinein.

Der jüngste unter den Toten von Sai war nach dem Befund der japanischen Gerichtsmedizin zwischen 15 und 19 Jahre alt. In der Gemeindeverwaltung blättert Sakai in der Akte. "So jung erst", sagt er. Sein Zeigefinger fährt über die Zeilen des Berichts. 163 Zentimeter groß. Teile der inneren Organe nach außen getreten.

Sakai erinnert sich an das Geräusch, als die beiden Kräne das Wrack auf den Hafenkai setzen. Ein tiefes Ächzen, das durch den Rumpf des Holzboots fährt. Zunächst stehen sie alle nur davor. Die Männer der Küstenwache, eine Abordnung der örtlichen Polizei, der Abteilungsleiter Tanaka von der Dorfverwaltung, der Fischer Sakai. Sie umrunden das Boot, stellen eine Aluminiumleiter gegen die Bordwand und klettern hinauf. Äußerlich scheint das Schiff fast unbeschädigt, nur einzelne Planken sind gebrochen. Drei Luken führen in das Innere. Die Ermittler gehen auf die Knie und leuchten mit Taschenlampen hinein. Zwischen zersplitterten Balken und Plastikcontainern, in denen der Fisch in Salz eingelegt wurde, zwischen Schwimmwesten, Handschuhen, Seilen und leeren Wasserflaschen entdecken sie vier Leichen, drei in einer Kammer vorne am Bug, eine, mit zerfressenem Gesicht, in der Kammer am Heck, wo einst der Motor war. "Vermutlich der Kapitän", sagt Sakai. Sie alle hatten sich vor ihrem Tod mit Stricken an Balken gebunden, um nicht von Bord gespült zu werden.

Nordkorea lebt im Jahr 105

Nordkorea ist ein ausgezehrtes Land, in dem die Menschen jedes Stück Erde zum Ackerbau nutzen. Kartoffeln und Bohnen wachsen an Straßenrändern, Maisstauden auf Bahndämmen. Selbst an den steilsten Gebirgshängen versuchen Bauern Landwirtschaft zu betreiben. Nordkorea ist auch ein Land fast ohne Maschinen. Von Hand werden auf den Feldern die Sämlinge gesteckt. Man sieht dort Ochsen, die Pflüge ziehen, aber kaum Traktoren. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 28 Prozent der Kinder und 42 Prozent der gesamten Bevölkerung unterernährt.

In Nordkorea regiert die Dynastie der Kims in dritter Generation. Das ganze Land ist überzogen mit monumentalen Denkmälern der Herrscher. Der Großvater des heutigen Machthabers, Kim Il Sung, drehte die Uhren zurück und ersetzte die Geburt Jesu durch sein eigenes Geburtsjahr 1912, das er zum Jahr 1 erklärte. Die Menschen in Nordkorea leben nicht im Jahr 2016, sondern im Jahr 105.

Weil die Küstengewässer nahezu leer gefischt sind, wagen sich die nordkoreanischen Fischer immer weiter hinaus. Fünf Tage lang werfen Rhee und seine Männer das Netz aus. Eine Gruppe von Booten hat sich zusammengefunden, Rhee und zehn weitere Kapitäne, Fischer, die seit Jahren befreundet sind. Abends vertäuen sie die Kähne, um gemeinsam zu feiern und ihre Netze zu bewachen. Sie sind jetzt, so schätzt Rhee, 70 Kilometer von der Küste entfernt. Das Radio an Bord hat keinen Empfang mehr, die Signale der nordkoreanischen Küstenstationen sind zu schwach, und die Nachrichten aus Japan oder Südkorea kann Rhee mit dem Radio nicht hören. Die Behörden lassen die Geräte manipulieren. Fischer stehen im Staate der Kims unter ständigem Verdacht, Überläufer zu sein. Rhee fährt nach Gefühl, ohne Wetterbericht.

Der Motor, in China hergestellt, den Rhee für viel Geld gekauft hat, verliert am fünften Tag an Zug. "Er kam nicht mehr auf die volle Geschwindigkeit", erinnert sich Rhee. Am Morgen des sechsten Tages beginnt die Maschine zu röcheln, stottert und erstirbt. Der Operator versucht, den Fehler zu finden, gemeinsam mit Rhee zerlegt er den Motor in seine Einzelteile. Beide Kolben haben sich festgefressen, die Zylinder sind angeschmolzen. "Da habe ich begriffen, dass wir so gut wie verloren sind", sagt Rhee.

Die befreundeten Fischer sind zu diesem Zeitpunkt weit entfernt. Rhee gaukelt seiner Besatzung Zuversicht vor. "Wenn der Kapitän verzweifelt, verzweifelt die ganze Mannschaft." Sie beratschlagen sich. In einigen Hundert Metern Entfernung sehen sie jetzt unbekannte Fischerboote, sie winken, rufen um Hilfe, doch keiner dreht auf sie zu. "Fremde Boote helfen einander nicht", sagt Rhee. Die Kapitäne haben Angst um ihre Netze oder wollen keinen Diesel verschwenden, um andere zu retten. Diesel, der so kostbar ist in Nordkorea.

Rhee entscheidet sich für eine verzweifelte Maßnahme. Die Männer bauen aus zwei Balken einen Mast und nähen aus Decken ein Segel.

Im Hafen von Sai, erinnert sich der Fischer Sakai, tragen Polizisten die vier Leichen aus dem Wrack die Aluminiumleiter hinunter. Den ältesten der Seeleute wird die Gerichtsmedizin später auf 50 Jahre schätzen, 166 Zentimeter groß, ein anderer war etwa Anfang 20, 163 Zentimeter, einer hatte eine zehn Zentimeter lange Narbe am Bauch, wohl von einer alten Blinddarmoperation. Dann ist da noch der Jüngste, noch keine 20 Jahre alt.

Die Polizisten ziehen den Toten die Kleider aus, Hautfetzen lösen sich: das Ölzeug, das gegen Gischt und Regen schützt, schwarze Arbeitshosen und Arbeitshemden, die Unterwäsche, die Strümpfe. Sie breiten die Kleider auf dem Boden aus, fotografieren sie. In den Taschen zweier Mäntel finden sie koreanische Ausweise, durchweicht, die Tinte der Schrift zerlaufen. Die Leichen legen sie in blaue Plastiksäcke.

Sakai blickt lange auf das Passbild des Ausweises, der in der Akte der Gemeindeverwaltung abgeheftet ist. Das Gesicht eines jungen Mannes, gepflegt, in schwarzem Anzug, schwarzer Krawatte und weißem Hemd. Skeptisch schaut er in die Kamera des Fotografen, die Stirn in Falten gelegt.

"Wie haben die sich mit diesem kleinen Boot nur so weit aufs Meer hinauswagen können", murmelt Sakai.

Rhees letzte Hoffnung ist, es mithilfe des Segels bis zur Gruppe der befreundeten Fischer zu schaffen. Doch am Nachmittag des zweiten Tages nach der Havarie schlägt das Wetter um. Ein Sturm kommt auf, der Wind wird mit jeder Stunde stärker. Rhee weiß, dass sein Schiff nur geringe Chancen hat, schweres Wetter zu überstehen. Hektisch trifft er Maßnahmen. Er lässt den Anker werfen und gibt der Ankerkette so viel Spiel wie möglich. Ist die Kette zu kurz, wird sich das Boot quer zu den Wellen stellen und kentern. Löst sich der Anker aus dem Seeboden, wird es kentern. Reißt die Kette, wird es kentern.

Drei Meter hoch türmen sich die Wogen, erinnert sich Rhee. Die Wellen stürzen über das Deck, reißen das Boot mit sich hinunter, so tief, dass Rhee um sich nur noch schwarze Wasserwände sieht. Die Männer kauern sich in die Schlafkammer am Heck, in der es kein Fenster gibt, nur eine LED-Lampe, die kaum Licht in die Dunkelheit bringt. Der Sturm hält zwei Tage an. "Du überlässt dich dem Schicksal", sagt Rhee. "Du weinst viel. Dann lässt du los. Du kannst nichts ändern."

Jeder an Bord kennt jemanden, der beim Hochseefischen ums Leben kam. Einer von Rhees alter Crew ist drei Jahre zuvor bei schwerem Seegang von Bord gefallen. Seine Leiche wurde nie gefunden. Immer noch bringt Rhee den Hinterbliebenen nach jeder Fahrt etwas Fisch nach Hause. Es gibt Familien in den Küstendörfern, die mehrere Söhne verloren haben. Der Kampf um den Fisch ist für die Nordkoreaner verlustreicher als der Krieg, den das Regime offiziell noch immer gegen den Imperialismus führt. Trotzdem gibt es in Nordkorea keinen Mangel an Männern, die zur See fahren wollen. Fischer seien bei den Frauen als Ehegatten begehrt, erzählt Rhee. Ein Fischer in der Familie garantiert das Überleben der Sippschaft. Immer bringt er Essen mit.

Rhee fischt auf eigene Kasse. Er ist mit seinem Boot offiziell dem Befehlshaber einer Militärdivision unterstellt, seitdem der ihn dem Stahlwerk von Kimchaek abgeworben hat. Im Land der Hungersnöte unterhält seit einigen Jahren jede staatliche Einrichtung ihre eigene Fischereiflotte. Das Krankenhaus von Kimchaek hat eine, die Universität, die Nationalbank und jede Militäreinheit. Rhee muss pro Mann Besatzung jedes Jahr eine Tonne Fisch an die Division abgeben. Nach seiner Rückkehr holen sich die Kommandeure die Ware persönlich mit Lastwagen ab. "Ich habe ihnen natürlich nur die mindere Qualität gegeben", sagt Rhee heute. Die größeren Fische veräußert er damals bereits auf hoher See. Die Fischer, die häufig auch Schmuggler sind, tauschen Fische und Krabben gegen Schnaps, Reis und Bier, die andere Boote aus China gebracht haben. Den Rest des Fangs verkauft Rhee im Hafen an eine Händlerin, die den Bau seines Bootes mit einem Kredit finanziert hat. Sie erhält die Fische mit einem 20-prozentigen Abschlag auf den jeweiligen Marktpreis – und verkauft sie dann mit Gewinn weiter an Großhändler, die mit Bussen und Zügen durchs ganze Land fahren und private Märkte beliefern.

Die Fische haben Rhee wohlhabend gemacht. Sogar reich. Er konnte drei weitere Schiffe kaufen, stellte Kapitäne und Mannschaften an. Er baute seiner Familie ein Haus, kaufte einen Fernseher und einen Computer. Sich selbst gönnte er ein Motorrad, das er bei einer heimlichen Reise nach China ersteigerte – im Land der Kims eine tollkühne Rarität.

Der Preis dafür, so scheint es jetzt, ist sein Leben.

Eine Woche nach der Bergung des Geisterschiffes, sagt der Fischer Sakai in der Gemeindeverwaltung, haben sie die Toten verbrannt. Ihre Asche wird in einem Schrein auf dem Friedhof des buddhistischen Chofukuji-Tempels verwahrt. Ein kleines weißes Häuschen, das von allen Schreinen den Klippen am nächsten steht.

Nach der Einäscherung führte der alte Mönch des Ortes für jeden der unbekannten Toten eine Zeremonie durch, sprach vier Tage lang Gebete, damit die Toten erlöst werden vom ewigen Kreislauf aus Geburt und Sterben.

Nach 14 Tagen sind die Wasservorräte aufgebraucht

Es wird viel gestorben im Fischerdorf Sai, erzählt Sakai. Der Terminplan des Mönches ist gut gefüllt. 70 Prozent der Einwohner sind über 60 Jahre alt. Lebten vor 40 Jahren noch 6000 Menschen in Sai, sind es jetzt nur noch 2000. Die meisten Läden haben geschlossen, es fehlen die Kunden, neulich hat die letzte Bankfiliale zugemacht. Es gibt keinen Arzt mehr im Dorf, nur noch einen Zahnarzt. Viele Häuser stehen leer. Die Jungen ziehen in die Städte, auch drei von Sakais vier Kindern. Wie fast überall auf der Welt ist die Fischerei auch in Japan im Niedergang.

Der Fischfang hat das Land einst groß gemacht. Es war umgeben von den reichsten Fischgründen der Erde. Doch die Menschen waren zu gierig, sie haben zu viel Fisch aus dem Meer geholt. Viele Orte, die von der Fischerei gelebt haben, drohen zu verschwinden. Die Totenschiffe aus Nordkorea treffen an Japans Küste auf sterbende Dörfer.

"Wir verloren das Gefühl für die Zeit", sagt Rhee, als er von den Tagen im Innern des Schiffes erzählt. Die Wellen werfen die Männer hin und her. Zweimal flaut der Wind kurz ab, und sie schaffen es, eingedrungenes Wasser mit kleinen Handpumpen aus dem Boot zu befördern. Am Abend des zweiten Tages legt sich der Sturm. Die Männer können endlich schlafen. "Dann traf uns ein neues Unglück", sagt Rhee. Nach dem Aufwachen entdecken sie, dass ein Teil ihrer Wasservorräte verloren ist. Der Sturm hat die Kanister beschädigt.

Das Boot treibt auf dem Meer. Es wird Nacht und wieder Tag und wieder Nacht und wieder Tag. Das Segel hilft ihnen wenig, sie rudern jetzt mit dem einzigen Ruder, das sie haben, abwechselnd, bis die Sonne untergeht. Manchmal, so kommt es ihnen vor, legen sie nur einen Kilometer am Tag zurück, manchmal müssen sie Anker werfen, damit der Wind sie nicht zurücktreibt. Noch immer, schätzt Rhee, sind sie 60 Kilometer von der Küste entfernt.

Am 14. Tag sind die Wasservorräte aufgebraucht. Die Männer sind am Ende ihrer Kräfte. Streitereien brechen aus. Rhee wirft dem Operator vor, er habe den Motor vor der Abfahrt nicht ausreichend geprüft, der Operator wehrt sich. Über vieles, was in diesen letzten Tagen geschieht, spricht Rhee bis heute nur widerstrebend.

Dann, einen Tag bevor sie zu Geistern geworden wären, wie Rhee es ausdrückt, entdecken sie Fischerboote. Boote, die denen ihrer Freunde ähneln. Sie winken, schwenken die orangefarbenen Rettungswesten über ihren Köpfen. Die Boote kommen näher, stoppen, offenbar sind die anderen Fischer irritiert, weil sie den Mast mit dem Segel sehen, den Rhees Boot vorher nicht hatte. Eines der Boote aber fährt dann doch an sie heran und erkennt die Vermissten, die schon tot geglaubt waren.

"Nie werde ich diesen Moment vergessen", sagt Rhee. "Wir umarmten uns. Jeder weinte. Wir alle weinten."

Das Geisterschiff von Sai, das nicht das Boot des glücklichen Rhee Cheol-Soo war, sondern das eines anderen Kapitäns, hat der Abteilungsleiter Tanaka von der Gemeindeverwaltung mit einem Sattelschlepper auf ein Hochplateau fahren lassen, keine zehn Kilometer entfernt. Als der Schneesturm nachlässt, der die Straßen unbefahrbar gemacht hat, ist der Weg frei zu diesem Schiff. Aus der Ferne ein schwarzer Monolith auf konturlosem Weiß, steht es da, aufgebockt auf zwei Holzbalken. Das Feld ist von metertiefem Schnee bedeckt, doch das Boot hat der Sturm fast frei geblasen. Wie klein es ist! In den Kammern unter Deck hängen noch letzte Plastiktüten mit alten Reisvorräten.

Tanaka sagt, er habe das Schiff hierher bringen lassen, weil es unten im Hafen an Platz mangele. Das ist der Grund, den er offiziell nennt. Tatsächlich aber – das gesteht er später ein – will er den japanischen Fischern nicht zumuten, unablässig auf das Totenschiff schauen zu müssen.

Rhee überlebte die Fahrten, bei denen so viele nordkoreanische Fischer sterben. Der Wohlstand aber, den er sich mit der Gefahr erwarb, nutzte ihm am Ende nicht viel. Ein Neider aus seiner Mannschaft, erzählt er, denunzierte ihn als Schmuggler und brachte ihn für ein Jahr ins Arbeitslager. Nach seiner Entlassung floh er 2015 über China nach Südkorea.

Er versucht jetzt Fuß zu fassen in seinem neuen Heimatland. Wie den meisten nordkoreanischen Flüchtlingen fällt es ihm schwer. Die Regierung zahlt Rhee einen Fortbildungskurs für Schweißer. Er hofft, danach irgendwo in der Industrie eine Anstellung zu finden.

Seine freie Zeit verbringt er meist allein in seinem Apartment in einem der vielen Hochhäuser in einem Vorort von Seoul. Seine einzigen Freunde sind andere Flüchtlinge aus Nordkorea.

Die Menschen des Südens bleiben ihm fremd. Sie seien höflich, sagten aber nicht, was sie denken. Nordkoreaner seien rauer, manchmal beleidigend im Umgangston, dafür ehrlich.

Am Ende der Gespräche in Seoul betrachtet Rhee die Fotos aus Japan. Er entziffert den Namen auf dem Ausweis des jungen Fischers. Kim Nam-gyeong. Arbeiter desselben Stahlwerks, für das Rhee einst fischte.

Was ihnen zugestoßen sein mag? Es gebe viele Möglichkeiten, als Fischer aus Nordkorea auf dem Meer sein Leben zu verlieren, sagt Rhee. Vielleicht sind sie zu weit hinausgefahren und erlitten einen Motorschaden, so wie es ihm widerfuhr. Vielleicht ist ihnen der Diesel ausgegangen. Oder ein Sturm ließ sie kentern, und die Strömung trieb sie bis nach Japan. Womöglich war die Mannschaft unerfahren, so viele Unerfahrene wollen jetzt Geld machen mit dem Fischen, sagt Rhee. Vielleicht haben sie einfach die Orientierung verloren und wurden vom Wetter überrascht. "Ich glaube übrigens nicht", sagt Rhee, bevor er sich verabschiedet, weil er zum Fortbildungskurs für Schweißer muss, "dass sie sich im Schiff angebunden haben, weil sie hofften, sie würden dadurch dem Tod entgehen. Ich glaube, die Männer taten es, weil sie wollten, dass sie gefunden werden."

Rhee will versuchen, die Familien in Nordkorea zu informieren. Damit sie nicht länger auf die Verschollenen warten.

* Der Name und einige Details der Lebensumstände wurden zum Schutz des Mannes geändert