In Rio de Janeiro, einer riesengroßen Stadt mit zwölf Millionen Einwohnern in Brasilien, ist Drachensteigenlassen eine ernste Angelegenheit. Kinder in Deutschland denken dabei an ein harmloses Spiel: an den Herbst, an die Zeit der starken Windstöße und der fliegenden Blätter, zwischen denen die bunten Fluggeräte besonders schön am Himmel kreisen. Das ist noch ungefährlicher, als auf Bäume zu klettern oder Skateboard zu fahren. Doch in Brasilien wird dieses Spiel oftmals so gefährlich, dass die Polizei anrückt.

Rio de Janeiro liegt an der Atlantikküste, eine Stadt voller wunderschöner Strände und steiler Hügel. Leider ist sie auch eine der ungerechtesten Städte der Welt. Unten, in der Nähe der Strände, wohnen die Kinder der reichen Eltern: Sie bekommen viel teures Spielzeug gekauft, iPads und Spielkonsolen. Sie verbringen ihre Wochenenden beim Surfkurs oder beim Reiten.

Oben auf den Hügeln leben die armen Kinder. Ihre Eltern mussten ihre Häuser häufig selber dorthin bauen, weil sonst nirgendwo mehr Platz war. Ganz einfache Bauten sind das aus tonfarbenen Backsteinen mit Mörtel dazwischen, ohne Fenster und mit Dächern aus gewelltem Blech. Die Kinder hier oben können sich nur wenig leisten.

Doch ihr Wohnort hat einen großen Vorteil: Es gibt an den Hängen viel Wind. Und Drachen sind billig in Rio de Janeiro. Eine trapezförmige pipa aus Papier, Stöckchen und Schnüren kostet nur 1,50 brasilianische Real, umgerechnet 37 Cent. Daher sind die Kinder aus den Armutsgebieten hier Großmeister im Drachensteigenlassen. Und sie spielen nicht einfach ein bisschen herum – sondern sie organisieren wahre Drachenschlachten.

"Onkelchen, du musst die pipa andersrum halten!", schimpft ein siebenjähriger Junge mit mir. Ich soll ihm beim Start des Drachens helfen. "Du musst die pipa zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen", erklärt der Junge, "so rum."

Wir stehen auf einem Bolzplatz an einem der höchsten Punkte der Stadt. Es war gar nicht so leicht, hier emporzusteigen. Autos oder Straßenbahnen fahren nicht auf diesen Hügel, alles geht nur zu Fuß. Man wandert enge Gässchen und Treppen hinauf, über denen Wäscheleinen und Stromleitungen gespannt sind. Man duckt sich viel und begrüßt die vielen freundlichen Menschen. Warm ist das hier! Und laut! Die Häuschen in den Armutsgebieten sind so klein, dass fast alle Menschen auf der Straße sitzen. Sie reparieren Fahrräder, spielen mit ihren Hunden, braten Fische oder hören Musik aus Lautsprecherboxen.

Oben angekommen, fragen die Kinder: "Warum schwitzt du denn so?" Macht euch nur lustig! Wer hier wohnt, ist natürlich gut im Training, läuft mehrere Male pro Tag bergauf und bergab. Von oben kann man das Meer in der Ferne sehen und auch das Wahrzeichen der Stadt, einen gigantischen Beton-Jesus auf der Spitze eines Berges. Junge Männer spielen Fußball, und mittendrin veranstalten die Kinder ihre Drachenschlacht.

Wenn ein Windstoß kommt, läuft man los, gegen den Wind, den Drachen in einer Hand, und lässt ihn los. Mit der anderen Hand spult man schnell die Leine ab. Zweimal an der Schnur ziehen lenkt die pipa nach links, dreimal ziehen nach rechts. Das sind die Grundlagen, doch das Schwierigste folgt noch. Es kommt nämlich darauf an, die Drachen der anderen Kinder zu erobern. Dazu muss man ihre Schnüre durchschneiden und die abstürzenden Fluggeräte jagen.

Dafür gibt es verschiedene Techniken: Entweder man steuert seine pipa so, dass die eigene Schnur eine andere von unten überkreuzt. Dann zieht man blitzschnell an der Schnur, die unter der Spannung scharf wie ein Messer wird. Oder man verheddert die beiden Schnüre und zieht mit roher Kraft. So oder so gilt am Ende: schnell dorthin laufen, wo der Drache des anderen auf den Boden stürzt. Wer zuerst da ist, darf die pipa behalten.