Seine Kollegen sagen über ihn, er sei "zuverlässig" und "liefertreu". Viel mehr fällt ihnen nicht zu ihm ein. Sie haben ihm auch keinen Spitznamen verpasst. Bloß ein Kürzel: "KMR". Und sein Vorgesetzter weiß nicht einmal genau, seit wann er da ist. "Seit etwas über einem Jahr, glaube ich."

Während seine Kollegen sich am Montagmorgen über das Wochenende unterhalten, schlurft KMR grußlos durch die Gänge der Halle 7 des Kuka-Werks in Augsburg. Er ist etwa 1,50 Meter groß, wiegt 400 Kilo und trägt ein Leuchtband um den Bauch, das in verschiedenen Farben strahlt. Gelb, wenn er sich anschickt loszumarschieren, weiß, wenn er unterwegs ist, und rot, wenn er stehen bleibt, weil ihm jemand in die Quere kommt.

Statt Füße hat er vier Räder, die mit eigenartigen, schräg verlaufenden Walzen bestückt sind. Mit ihnen kann er sich ansatzlos in jede Richtung bewegen, muss nicht rangieren wie ein Auto. Dafür sieht es ziemlich seltsam aus, wenn er seine Räder nach vorne oder hinten dreht und gleichzeitig zur Seite driftet. Roboter-Moonwalk.

Trotz seiner auffälligen Erscheinung schenkt niemand KMR an seinem Arbeitsplatz besondere Beachtung. Und doch ist er der Grund, warum chinesische Investoren das ganze Unternehmen aufkaufen wollen, für das er arbeitet. Es sind seine besonderen Fähigkeiten, für die sie sich interessieren. Man kann sagen: Vor allem seinetwegen haben die Chinesen einen Kaufpreis von 4,5 Milliarden Euro geboten.

Er nimmt wahr, wenn man sich ihm nähert; er spürt, wenn man ihn berührt

Die Firma, bei der KMR arbeitet, heißt Kuka. Johann Josef Keller und Jakob Knappich gründeten sie im Jahr 1898. Damals stellten sie Gaslampen her. Heute baut die Kuka AG Roboter. Und damit ist die Augsburger Firma so erfolgreich, dass sie als eine Perle der deutschen Industrie gilt, die man eigentlich nicht gern in fremde Hände gibt. EU-Digitalkommissar Günther Oettinger hat dazu aufgerufen, Kuka solle europäisch bleiben. Die Bundesregierung hält sich bei dem Thema noch bedeckt.

Der vollständige Name des Roboters, der Kuka für die Chinesen so attraktiv macht, lautet "KMR iiwa 14". KMR steht für "Kuka Mobile Robot", "iiwa" für "intelligent industrial work assistant". Und die 14 bedeutet, dass er 14 Kilo heben kann. Das ist für einen Roboter eigentlich lächerlich wenig. Ein paar Schritte neben KMR arbeitet in der gleichen Halle ein Titan-Roboter, ein fast drei Meter hoher, orangefarbener Koloss, der eine ganze Tonne stemmen kann. Aber der Titan, der an die martialischen Blechmonster aus dem Film Transformers erinnert, muss in einem schwarzen Stahlkäfig schuften. Niemand darf ihm zu nahe kommen. Er würde einen Menschen, der seinem monströsen Arm im Weg ist, einfach zerquetschen.

Da ist KMR anders. Er nimmt wahr, wenn man sich ihm nähert, er fühlt es, wenn man ihn berührt, und er nimmt Rücksicht auf die Menschen in seiner Umgebung. Deshalb gehört er zur Avantgarde der Robotertechnologie. Er verkörpert die nächste Stufe der Automatisierung: Roboter, die sowohl mit Maschinen kommunizieren als auch mit den Kollegen der Spezies Mensch zusammenarbeiten können. Kuka rühmt sich, führend auf diesem Gebiet zu sein. Die Roboter des iiwa-Typs seien die ersten in Serie gefertigten, sensitiven und für die Kooperation mit dem Menschen geeigneten Roboter. Seit knapp zwei Jahren sind sie auf dem Markt. Bei Daimler sind sie in der Autoproduktion im Einsatz, bei Siemens helfen sie beim Be- und Entladen von Motorenteilen.