Der Palazzo della Cultura in Reggio Calabria strahlt so gleißend hell, als wäre ein überdimensionaler Scheinwerfer auf ihn gerichtet. Früher wurden in diesem Bau der Jahrhundertwende Findelkinder abgegeben – heute die Bilder der Mafia. Der Vergleich scheint dem Kulturassessor Edoardo Lamberti Castronuovo zumindest auf der Zunge zu liegen, als er gestenreich die Geschichte des frisch renovierten Gebäudes erklärt – und darauf hinweist, dass die neue Ausstellung mit den 125 vom italienischen Staat konfiszierten Gemälden eines mit der Mafia verbandelten Unternehmers allein ihm zu verdanken sei: Werke von Salvador Dalí, Lucio Fontana und Giorgio De Chirico, einige Haupt- und sehr viele Nebenwerke der italienischen Malerei des 20. Jahrhunderts, dazu Bilder aus dem 16. und 17. Jahrhundert – sowie einige Fälschungen, die der Assessor, der nicht nur für Kultur, sondern auch für Legalität zuständig ist, aus erzieherischer Sicht für besonders wertvoll hält: "Wer andere betrügt, wird selbst betrogen."

Über dem Eingang weht ein Transparent, auf dem steht: "A tenebris ad lucem" – "Die wiedergefundene Kunst wird wieder zum Gemeingut". Eine gewagte Behauptung, handelt es sich doch nicht um Diebesgut, sondern um die mit schmutzigem Geld legal erworbene Kunstsammlung des "Königs des Videopokers" Gioacchino Campolo. Außerdem: Wo steht geschrieben, dass Kunst ein Gemeingut sein muss? Aber wenn es um Mafia geht, rutscht man in Italien leicht in diesen sozialpädagogisch-missionarischen Duktus ab, mit dem man gegen die Bosse zu Felde zieht.

Der jetzt 77-jährige Gioacchino Campolo wurde 2009 verhaftet – nachdem er in Zusammenarbeit mit den Mafiaclans von Reggio Calabria ein Vermögen von 330 Millionen Euro angehäuft hatte: Dank des Beistands der Bosse konnte er mit dem Videopoker ein Monopol aufbauen, Spielhallen dazu zwingen, seine manipulierten Spielautomaten aufzustellen, die Angestellten erpressen und ihnen weniger Lohn auszahlen, als offiziell auf ihrer Steuerkarte angegeben war.

Dreißig Jahre lang war Campolo der unternehmerische Arm der Clans von Reggio Calabria, aufgefallen ist er lediglich aufgrund der Diskrepanz zwischen seinem erklärten Einkommen und dem Geld, das er auf sein Konto einzahlte: Während er ein jährliches Einkommen von 19.000 Euro angab, flossen 1,6 Millionen Euro über sein Konto – schmutziges Geld aus den Spielautomaten und aus Erpressungen. Die anderen Bosse schützten ihn und sein Monopol – und Campolo schützte sie, vor allem wenn sie untertauchten.

Dank der Aussagen abtrünniger Mafiosi wurde er zu 16 Jahren Haft verurteilt – und sein Vermögen vom italienischen Staat konfisziert: Außer den Gemälden wurden 260 Immobilien beschlagnahmt – darunter die Hälfte der Gebäude am Corso Garibaldi, der Luxus-Einkaufsmeile von Reggio Calabria. Der Rest überall da, wo es teuer ist: in Paris in der Rue Saint-Honoré, in Mailand, Taormina und Rom, wo ihm eine nie bewohnte Villa auf dem Aventinhügel gehörte. Dazu Geschäftslokale, Grundstücke, Autos und Motorräder, Versicherungspolicen, Firmenvermögen. In Italien können Besitztümer bereits beschlagnahmt werden, wenn nur der Verdacht besteht, dass jemand zur Mafia gehört oder mit ihr zusammenarbeitet.

Seit im vergangenen Jahr das Urteil in letzter Instanz erging, gehört die Gemäldesammlung des "Videopoker-Königs" dem italienischen Staat und nimmt nun die zweite Etage des Palazzo della Cultura ein: den Bunker, wie Kulturassessor Lamberti Castronuovo die hoch gesicherte Abteilung nennt. Man spaziert an Heiligendarstellungen der spanischen Schule des 17. Jahrhunderts vorbei, an Frauen-Akten, Kruzifixen und Madonnenbildern, blickt auf verschneite Landschaften, Stillleben und russische Ikonen – und fühlt sich seltsam berührt von dieser Sammlung, die der Boss in dem engen Flur seiner Wohnung mit Blick auf die Meerenge von Messina aufgehängt hatte: Im Grunde spiegelt sie hier nichts anderes wider als eine kleinbürgerliche Angst um die richtige Investition.