In einer Erzählung aus Judith Hermanns neuem Buch Lettipark geht es um Ari und Jessica. Die beiden möchten einen Kurzurlaub am Schwarzen Meer verbringen, doch als sie in Odessa ankommen, ist die Stimmung angespannt, weil es unterschiedliche Meinungen darüber gibt, wer im Zug wie gut geschlafen hat. Ari behauptet, er habe im Zug "kein einziges Auge zugetan", sondern lediglich "sieben beschissene Stunden lang auf dem Rücken gelegen", während Jessica mit Sicherheit weiß, dass er geschlafen hat wie ein Stein.

Sie weiß das deshalb so genau, weil sie zuvor beobachtet hat, wie Ari im Abteil ein Tuch auf dem Tisch ausgebreitet hat, wie er auf diesem Tuch Apfelsinen geschält hat, wie er dann erst weggegangen, später aber mit einem Glas Tee wieder zurückgekommen ist und wie sich schließlich das hier ereignet hat: "Ari hatte sich als Erster ausgezogen, auf seinem Bett ausgestreckt, er war als Erster eingeschlafen." Allein: "Es macht keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen."

Judith Hermann hat einen Ton entwickelt, von dem es heißt, er könne in solchen Szenen ganze Biografien anklingen lassen. Die Verabredung zwischen den Lesern und den Texten lautet hier, dass es natürlich nicht nur darum geht, ob Ari wirklich geschlafen hat oder nicht, sondern darum, dass Jessica sein substanzloses, weinerliches Gerede nicht mehr hören kann und dass sämtliche Entscheidungen, die sie in ihrem Leben jemals getroffen hat, in dieser kleinen Szene unausgesprochen miterzählt werden. Das biografische Porträt einer modernen Frau, für das Balzac keinesfalls weniger als 500 Seiten gebraucht hätte, fängt Hermann in einem beiläufigen Satz auf: "Es macht keinen Sinn, ihn darauf hinzuweisen."

Allerdings schwingt immer auch der Verdacht mit, dass es in diesen Geschichten vielleicht doch nicht um die Welt geht, die nicht erzählt wird, sondern letzten Endes wirklich nur ums Ausschlafen. Die Frage, mit der sich traditionell jeder Minimalismus herumschlagen muss, wird auch im Falle von Judith Hermann seit zwanzig Jahren immer wieder unterschiedlich beantwortet: Hat man es bei dieser Prosa wirklich mit meisterhafter Verknappung zu tun? Oder gibt es deshalb so wenig zu sehen, weil nun einmal nicht mehr da ist?

Kurz vor der Jahrtausendwende ist Judith Hermann mit ahnungsvollen Erzählungen bekannt geworden, in denen es um Frauen ging, für die die Geschichte kein Schicksal vorgesehen hatte. Die Mütter, die Großmütter und auch die Urgroßmütter dieser Frauen hatten Rollenbilder, aus denen sie ausbrechen konnten, und sie hatten gesellschaftliche Widerstände, die sie überwinden konnten. Hermanns Figuren aber haben von der Geschichte lediglich eine ausgelaugte Millionenstadt zur Verfügung gestellt bekommen, in der sie tun und lassen konnten, was sie wollten. Diese Bürde ist nicht zu unterschätzen: Den größten Teil der Zeit verbrachten sie in einer Art Duldungsstarre, und so wäre es den meisten anderen in ihrer Situation wohl auch ergangen.

Die Erzählungen sind stets von dem Grundgefühl durchzogen, zu Gast im eigenen Leben zu sein und dem Lauf der Dinge letztlich machtlos gegenüberzustehen. Den Figuren kommt es immer eher darauf an, Verhältnisse zu haben, als sie zu verändern. Die großen Geschichten spielen sich stets woanders ab, während bei Judith Hermann junge Frauen fröstelnd auf Terrassen stehen und gerade schon wieder auf jemanden warten.

Dass das trotzdem so viele Menschen gerne lesen, liegt vermutlich daran, dass sich diese Geschichten immer an einem imaginären Sehnsuchtsort ausrichten, der außerhalb der erzählten Welt liegt. In den früheren Erzählungen lag dieser Punkt zumeist in der Zukunft: Hinter jeder Person, die man am Rande des Weges kennenlernte, verbarg sich ein mögliches Leben, hinter jedem Landhaus, das man besuchte, ein neuer Selbstentwurf. In Hermanns neuem Erzählband gibt es diesen Sehnsuchtsort auch, allerdings sind in der Zwischenzeit zwanzig Jahre ins Land gezogen, weshalb er jetzt nicht mehr in der Zukunft liegt, sondern in der Vergangenheit, als die Figuren verliebter waren, die Tage offener und die Erfahrungen unverbrauchter. Der Ton aber bleibt der gleiche.

Weshalb sich an dieser Stelle der Verdacht aufdrängt, dass es für den Ton dieser Geschichten nicht unbedingt entscheidend ist, ob ihr idealer Bezugspunkt in der Zukunft, in der Vergangenheit oder in Entenhausen liegt. Es kommt nur darauf an, dass es diesen einen Punkt gibt, der die Bedeutung spendet, die diese Geschichten selbst nicht herstellen. Denn zur Wahrheit gehört eben, dass es auch in Lettipark immer wieder entschieden kitschige Passagen gibt wie diese: "Und also ist Ricco einfach auf ihrer Bettkante sitzen geblieben und hat sie angesehen, die ganze Nacht lang, bis es draußen hell geworden ist. Als es hell war und sie die Augen aufschlug, saß er immer noch so da, und sie hat gesagt, bleibst du noch ein wenig, und er hat gesagt, klar. Warum nicht?"

Je länger man sich in diesem Kosmos aufhält, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass all diese Riccos, Aris und Jessicas im Zweifelsfall überhaupt nicht wüssten, was sie an ihrem Sehnsuchtsort eigentlich anfangen sollten. Würden sie ihn überhaupt erkennen? Oder verhält es sich nicht eher andersrum so, dass sie in Wahrheit längst angekommen sind in ihrem Utopia; einer gedämpften, gefahrlosen Welt, die genau in dem Maße ungenügend ist, dass noch Raum für konsequenzlose Melancholie bleibt? Geht es Judith Hermanns Geschichten also letztlich um einen sich freiwillig selbst beschränkenden Romantizismus, der mit Utopien vor allem dann etwas anzufangen weiß, wenn er sich in sicherer Entfernung zu ihnen befindet? Wahrscheinlich.

In dieser Lesart wären Judith Hermanns Geschichten von mittelmäßigen Geistern bevölkert, die sich selbst für Poeten halten. Richard Yates hat sie in seinem Meisterwerk Revolutionary Road beschrieben; selbstherrliche Kleinbürger, die permanent davon träumen, aus ihren Verhältnissen auszubrechen, in Wahrheit aber längst an dem Ort angekommen sind, der ihnen gemäß ist: dem Vorgarten. Man muss mit ihnen kein Mitleid haben. Wie von allem anderen haben sie auch davon selbst genug.

Judith Hermann: Lettipark. Erzählungen; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main 2015; 192 S., 18,99 €, als E-Book 16,99 €