Lieber Papst Franziskus,

Sie sind so menschennah, dass ich große Lust hatte, Sie mit Ihrem bürgerlichen Namen Jorge Mario Bergoglio anzusprechen. Aber ich will bei "Papst" bleiben, denn als Protestantin kann ich Sie wiederum schlecht "Heiliger Vater" nennen. Und gerade Ihr Amt verleiht Ihnen eine moralische Autorität, die auch Menschen erreicht, die nicht Ihrer Glaubensrichtung angehören. Heute möchte ich mich einfach einmal bei Ihnen bedanken. Es ist wunderbar, wie Sie alte Zöpfe abschneiden, wie Sie Toleranz nicht nur predigen, sondern auch leben.

Da reisen Sie nach Lesbos, um sich vom Leid der Flüchtlinge zu überzeugen. Und Sie entschließen sich, einfach zwei Familien an die Hand zu nehmen und sie mit in den Vatikan zu bringen. Das ist christliche Nächstenliebe, die nicht fragt, welchem Glauben die Bedürftigen angehören. Sie, lieber Papst Franziskus, fragen nach der Not und leben damit allen Menschen – nicht nur den Gläubigen – vor, wie wir in dieser einen Welt miteinander umgehen sollten. Schöner verwirklicht könnte ich mir den Bibelspruch aus dem Galaterbrief, "Einer trage des anderen Last", nicht vorstellen.

Sie erinnern uns daran, dass kein Mensch eine Ware ist und wir alle Würde besitzen – auch die Schutzsuchenden. Und das machen Sie auf eine Weise, die mich überrascht und angenehm berührt. So wie Sie an jeden denken, verstehen Ihre sanft und liebevoll ausgesprochenen Ratschläge auch alle – unabhängig davon, ob sie arm oder reich sind, Macht haben oder nicht. Ich mag es, Ihnen zuzuhören.

In Ihrer Kirche ist nicht immer alles gerade gelaufen. Sie haben angefangen, damit aufzuräumen, und Unrecht beim Namen genannt. Das gibt nicht nur den Opfern Kraft, sondern verleiht Ihnen Glaubwürdigkeit. Auch auf unserem Kontinent geht gerade nicht weniges schief. Und daher dürfen Sie, der zuerst vor der eigenen Türe kehrt, auch hier mal mahnen. Und mit welchem Ton Sie das tun. Ehrlich gesagt habe ich kurz die Luft angehalten, als Sie in Ihrer Rede vor dem EU-Parlament Europa "alt und müde" nannten. Aber dann fand ich Ihren anderen Satz, den von der "unfruchtbaren Großmutter Europa" – ich hoffe, Sie verzeihen mir den Ausdruck –, doch einfach zu "göttlich".

Es ist ein großes Glück, dass Sie unser aller Papst sind.

Herzlich, Ihre Uschi Glas

Uschi Glas, 72, ist Schauspielerin – und evangelisch