Ende April, Hannover Messe, der amerikanische Präsident ist zu Gast. Diese Gelegenheit kann Matthias Müller einfach nicht verstreichen lassen. "Ich hatte knapp zwei Minuten für das Gespräch und habe mich für den Vorfall als solches entschuldigt. Ich habe darum gebeten, dass Amerika uns eine Brücke baut", erzählt der Vorstandsvorsitzende von Volkswagen hinterher über sein Gespräch mit Barack Obama.

Dabei wird eines deutlich: Müller will immer noch den Ton angeben. Seine Formulierung verrät ihn: Er redet davon, sich zu entschuldigen, und nicht davon, um Entschuldigung zu bitten. Nicht für den Betrug seines Unternehmens an US-Kunden – nein, für einen "Vorfall". Klingt nicht kriminell, eher nach Falschparken. Und selber Brücken zu bauen, das ist wohl zu viel verlangt von Herrn Müller. So überfordert man aber selbst den mächtigsten Mann der Welt. Der ist aus seinem eigenen politischen System – anders als ein Automanager aus der Wolfsburger Retorte – checks and balances gewohnt, also gegenseitige Kontrolle und Ausgleich der Machteinflüsse. Zwar sollte es derartige Errungenschaften mittlerweile auch in Konzernen geben, aber die Alleinherrscher aus Wolfsburg haben sie meistens außer Kraft gesetzt. Mit Chuzpe und dem Verbreiten von Angst kamen sie jedes Mal durch. Der Abgasbetrug ist ja bloß der jüngste Fall in einer ganzen Reihe von Verfehlungen.

Erstmals wurde das Unwesen 1996 ruchbar, als der VW-Einkaufschef Ignacio López geschasst wurde, weil er im Verdacht stand, Betriebsgeheimnisse von General Motors mit zu Volkswagen geschmuggelt zu haben. Für die Adlaten des alten Regimes um Gottvater Ferdinand Piëch und den Sohn zu seiner Rechten, Martin Winterkorn – also vor allem für den aktuellen CEO Matthias Müller und den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch –, wird es nun allerhöchste Zeit für ein wenig Demut. Bloß ist diese schöne Eigenschaft nicht in der Führungskultur von Wolfsburg angelegt. Der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Piëch und der zurückgetretene Konzernchef Winterkorn haben, berauscht von ihrer globalen Eroberungsstrategie, von ganz oben ein komplexes und selbstherrliches Machtgefüge installiert – das in deutschen Konzernen aber keinesfalls beispiellos ist.

Dem Unternehmen VW hat das Drama von Dominanz, Druck und Duckmäusertum erstmals seit 22 Jahren einen Jahresverlust eingebracht, noch dazu den größten seiner Geschichte. Mögliche existenzbedrohende Strafen in Milliardenhöhe sind dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey hat recht: Sobald Machiavelli ins Spiel kommt, also Machthunger sich mit Narzissmus paart, wird es gefährlich für ein Unternehmen. Despotische Manager und geklonte Gefolgsleute wie die von VW gibt es überall – es gibt aber auch andere Führungspersönlichkeiten in Deutschland, die ich sehr geschätzt und geachtet habe. Ich komme gleich auf einige zu sprechen. Nicht jeder, der nach oben kommt, verdirbt dabei.

Vor mehr als 40 Jahren startete ich mein Berufsleben bei Daimler-Benz. Die ersten zwei Jahrzehnte war ich mittlerer Manager, die nächsten 20 Jahre verbrachte ich in den Chefetagen der Konzerne Lufthansa, Continental und Telekom. Aus meinen zahlreichen Führungsaufgaben in der Dax-Welt habe ich folgende Lehren gezogen.

Erste Lektion: Freiheitsrechte, die man sich als junger Mensch entreißen lässt, holt man sich im Laufe seiner Karriere immer schwerer zurück. Bei der früheren Daimler-Tochter MTU ließ ich mir mit Mitte dreißig den Mund nicht verbieten. Weil ich unbotmäßige Fragen zur Unternehmenskultur stellte, stornierte der Vorstandsvorsitzende Hans Dinger meine Beförderung ins obere Management. Das schmerzte mich sehr, trotzdem: Ehrlichkeit und Courage, die Widerstandsfähigkeit gegen Konformismus, darf man sich auf keinen Fall nehmen lassen! Wer früh falsche oder faule Kompromisse eingeht, kommt aus ihnen kaum mehr heraus. Mir berichten junge VW-Ingenieure, sie hätten das vorgelegte Gewerkschaftsbuch unterschreiben müssen, bevor sie das erste Gespräch mit ihrem Vorgesetzten führten. Mir berichten VW-Führungskräfte, sie tolerierten lieber schlechte Leistungen, als einen Konflikt mit der Gewerkschaft oder eigenen Vorgesetzten zu riskieren. Das ist der Einstieg in die Disziplin der Feiglinge, in den Gehorsam der Kommisskultur.