Als das Kameralicht erlischt, streift Marcel Reif das Headset über die grauen Locken. Er packt die akkurat beschrifteten Moderationszettel zusammen und sagt: "Die gehen nicht unter dem Deutschen Museum weg", merkt aber, dass er so gar nicht in Stimmung ist zu lachen, und fragt: "Kennt jemand den schnellsten Weg hier raus?"

Elegant federt der schmale Mann mit seinen italienischen Wildlederschuhen die nicht enden wollende, mit Teppich ausgelegte Treppe des Mailänder San-Siro-Stadions hinab. 140 Minuten hat er geredet – nun schweigt er. Nur ein zartes Schniefen unterbricht die stille Flucht. Marcel Reif weint. Man muss an Pep Guardiola denken, den die Emotionen nach dem DFB-Pokalfinale auch überwältigten, Trainer-Tränen, die den Druck der vergangenen Jahre so sichtbar machten. "Menschwerdung" nannte Thomas Müller das. Dieser Augenblick hier im Treppenhaus ist dezenter, aber er mutet ähnlich an: traurig schön. Eine Ära geht zu Ende.

Dabei hat sich Marcel Reif so bemüht, diesen letzten Abend seines TV-Kommentatoren-Lebens wie jeden anderen in den vergangenen 30 Jahren zu gestalten, während seines letzten Auftritts hat er das geschafft, in den Stunden danach bricht es aus ihm heraus, er fühle sich "beschissen", sagt der Mann der schönen Worte, während das Stadion im Rückspiegel des Autos kleiner und kleiner wird.

Drei Stunden vor Anpfiff des Champions-League-Finales zwischen Real und Atlético Madrid steigt er in den Wagen am Piazza San Babila und beginnt das zu tun, was er so gut kann: Er kommentiert. "Hier", sagt er, "sehen Sie eine der ältesten Kirchen Mailands, die Basilika San Babila", und da: den Cimitero Monumentale, "diesen so beeindruckenden Friedhof. Ein Besuch lohnt sich wirklich."

Er scheint Friedhöfe zu mögen: "Vor drei Tagen habe ich mir einen in Buenos Aires angeschaut." Natürlich besuchte er auch ein Spiel der Boca Juniors auf dieser "Begleitreise" nach Argentinien, wie er das nennt. Er war die Begleitung, seine Frau Marion, eine Gynäkologin, trat auf einem Ärztekongress auf.

Eine ungewohnte Rolle für ihn, denn Marcel Reif ist stets die Hauptperson gewesen. Er hat versucht, nie Teil des Systems zu werden, dafür reizt es ihn viel zu sehr, sich von seinen Kollegen zu unterscheiden. Reif polarisierte, wurde geliebt und verachtet, wie viele Menschen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen. Nun, in den Stunden des Loslassens, ist er längst angekommen in einer Welt, die größer und gütiger sein kann als Fußball, Fernsehen und Millionen von Zuschauern: bei seiner Familie. Heute ist er selbst ein letztes Mal der Anlass, und seine Frau, seine drei Söhne und seine Schwiegertochter begleiten ihn.

"Wenn schon aufhören, dann hier", sagt Reif, während sich der Fahrer durch die Trauben der Fans kämpft, die durch die Straßen der Stadt ziehen. Reif mag Mailand. Erst lernte er die Mode kennen, dann die Stadt. Mit seiner ersten Frau führte er zwei Boutiquen in Wiesbaden, sie ließen sich in Italien inspirieren.

Nur zu schauen erfüllte ihn schon damals nicht, er wollte verstehen, sich austauschen, spüren, so, wie er Spiele als Kommentator immer fühlen wollte: Gucken, das können viele, aber Emotionen während ihres Entstehens verständlich formulieren, das beherrschen wenige. "Sehen Sie diese hohen Mauern?", fragt er. "Hinter solchen Mauern hauste Diego Maradona einst in Neapel." Er erinnert sich an ein Interview, das er als einer der ganz wenigen Journalisten mit Maradona auf Italienisch führte. "Ich sag Ihnen, kein Wunder, dass der sich verloren hat. Das war doch kein Leben, was der da führte."

Dass Reif mit seiner Art in dieser schnelllebigen und oft lauten Unterhaltungsindustrie auch anecken würde, war ihm bewusst, bevor er fernsehweit bekannt wurde. Wunderbare politische Kommentare könne "dieser Zauberer" sprechen, spöttelte Franz Beckenbauer 1985, "aber bittschön, lasst’s na vom Fußball weg".

Vielleicht war das der Grund für die Skepsis, die Reif oft entgegenschlug: Er zeigte Menschen, die in ihrer Welt allem entrückt zu sein glaubten, ihre Grenzen auf. So entdeckt er auf den letzten Metern ins Mailänder Stadion einen groß gewachsenen Mann in hellblauem Anzug: "Na, wer ist das, der da, mit dem vollen Haar?" Seine Kollegen schweigen. "Kennt keiner? Schämt euch. Giancarlo Antognoni! Der Weltmeister 1982, 341 Spiele für den AC Florenz!"

Im Stadion angekommen, läuft der norwegische Ex-Stürmer Jan Åge Fjørtoft auf Reif zu. "They think it’s all over ...", ruft er in Anspielung auf die berühmte Formulierung des Kenneth Wolstenholme aus dem WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland. Nach diesem berühmten Satz des BBC-Kommentators fiel damals in der letzten Sekunde des Spiels noch ein Tor, England war Weltmeister. Reif lächelt. Die beiden Fachmänner begrüßen sich immer so. Nach dem Spiel nimmt Reif diesen Fjørtoft in den Arm: "Now it’s over", zitiert er den zweiten Teil des berühmten Ausrufs Wolstenholmes von 1966.

Marcel Reif ist 66 Jahre alt. Nach Bekanntwerden seines Abschieds sagte er, wenn er noch mal was anderes machen wolle, dann müsse er das jetzt tun. Marcel Reif wird neuer Fußball-Kolumnist der ZEIT.