Lange konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass unsere Ärzte vor allem um sich selbst kreisen. Als gehe es ihnen nur noch um geregelte Arbeitszeiten, um reichlich Lohnzuwächse für Klinikärzte und um mehr Geld für niedergelassene Mediziner. Ob und wie es um ihre Patienten steht, was der Zustand des Gesundheitswesens für diese bedeutet, schien nebensächlich. Dabei müssen sich die Kranken mit den Auswüchsen einer ökonomisierten Medizin herumschlagen, mehr zuzahlen denn je und obendrein lange auf einen Termin warten. Doch auf dem Deutschen Ärztetag, der vergangene Woche in Hamburg zu Ende ging, rückte der Patient wieder in den Mittelpunkt.

Ein Streitpunkt bei dem Treffen waren die explodierenden Preise für manche Medikamente – besonders für Krebsmittel. Deren enorme Kosten belasten die Krankenkassen schon jetzt, und wer bedenkt, dass unsere alternde Gesellschaft sehr viel mehr davon brauchen wird, dem wird schwindelig. Bei einigen Krebsarzneien liegen die Behandlungskosten schon jetzt bei mehr als 80.000 Euro jährlich. Die Ärzte hätten sich zurücklehnen und sagen können, das sei ein Problem der Krankenkassen und gehe sie nichts an. Tatsächlich bezogen sie auf dem Ärztetag klar Stellung gegen die Pharmaindustrie in Gestalt des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller. Von einem "Geschäft mit der Not" sprach der Berliner Ärztekammerpräsident Günther Jonitz. Die Industrie müsse unbedingt ihre Preispolitik korrigieren.

Viele Patienten kennen die Preise ihrer Arzneien gar nicht, und selbst wenn, dürften sie denken: Solange die Kasse zahlt ... Die Pharmafirmen argumentieren, dass die meisten Medikamente im europäischen Vergleich hierzulande sogar günstig seien, dass die Preise moderat stiegen und eben nur die Innovationen teurer seien. Das stimmt soweit auch. Das zentrale Wort in der Debatte aber lautet "Nutzen". Laut Gesetz darf der Hersteller frei den Preis bestimmen, wenn ein neues Präparat einen erheblichen Zusatznutzen gegenüber einer Vergleichstherapie aufweist. Wenn also ein Krebsmedikament das Leben um einen Monat verlängern kann, darf der Produzent sich das kräftig honorieren lassen. Bloß dürften sich viele Patienten unter "Nutzen" etwas anderes vorstellen: Was nutzt es, einen Monat länger zu leben, wenn der durch die Therapie zur Qual wird? Doch die Lebensqualität spielte bei der Bewertung im entscheidenden Gremium, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), bisher so gut wie keine Rolle. Die Hersteller haben kaum entsprechende Daten eingereicht – was sich nach dem Willen des G-BA-Chefs ändern soll.

Wenn die Ärzte jetzt fordern, der Nutzen müsse sich am Patientenwohl orientieren und dürfe sich in den Preisen widerspiegeln, ist das ein Votum für ihre Patienten. Ist absehbar, dass ein Medikament einen Menschen mehr leiden lässt, als dass es ihm guttut, dann sollten sie Kraft ihrer Erfahrung vorher eines tun: richtig aufklären.