Je mehr Gipfel, desto mehr Talfahrten. Diese schlichte Wahrheit kennen Skiurlauber und Mountainbiker genauso gut wie alle, die sich für die Milchwirtschaft interessieren. Bauern beklagen die Talfahrt der Preise, die Politik lädt zum Gipfeltreffen oder umgekehrt. Seit Jahrzehnten geht das schon so. Und wenn Agrarminister Christian Schmidt (CSU) nun einen "Branchendialog" vorschlägt und fordert, dass es ein "Weiter so!" nicht geben dürfe, bedeutet das mit der allerhöchsten Wahrscheinlichkeit, dass es ganz genauso weitergehen wird. Schmidt wäre der erste Politiker, der das Problem wirklich löst.

Das sieht aber nicht so aus. Am Montag ging der jüngste Milchgipfel mit dem klassischen Dreiklang zu Ende. Erstens: Man erkennt das Leid der Milchbauern an, die nur noch 20 Cent je Liter bekommen, und appelliert an die Verantwortung des Einzelhandels. Zweitens: Man stellt fest, dass viel mehr Milch produziert als verbraucht wird. Drittens: Man teilt Geld aus, diesmal mindestens 100 Millionen Euro Sofortbeihilfe aus Bundesmitteln. Woraufhin der Bauernverband nicht etwa danke sagte, sondern via Twitter gleich mal "das Zehnfache" dieser Summe verlangte. Dramaturgisch erinnert das Ganze an eine Mischung aus Bankenrettung und Griechenland-Hilfe, nur geht es eben um Milch und ihre Erzeuger.

Die Muster sind eindeutig: Schon 1995 war Milchgipfel, noch in Bonn, wo der Bauernverband die Talfahrt der Preise beklagte, die flächendeckende Milcherzeugung gefährdet sah und die Bundesregierung zu einem finanziellen Ausgleich aufforderte. Lange war Ruhe, dann klagten die Bauern, dass Milch "zu Schandpreisen verhökert" werde, und 2008 war wieder Milchgipfel. Mit Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) sprach man über Unterstützungszahlungen, der Handel akzeptierte seine Verantwortung, senkte aber trotzdem die Preise: Talfahrt; 2009 neuer Gipfel, dieses Mal mit Agrarministerin Ilse Aigner (CSU). Man stellte fest, dass die Milchmenge zu hoch war, trotz der Milchquote, die eine Obergrenze festlegte. Als diese im Frühjahr vergangenen Jahres von der EU abgeschafft wurde, um mehr Wettbewerb in den Milchmarkt zu bringen, gingen die Preise auf Talfahrt; Herbst 2015, wieder Gipfel, diesmal in Brüssel, was passte: Nichts in der EU ist so durchreguliert und -subventioniert wie der Agrarsektor. Ergebnis: Der Preis ist so niedrig, weil das Angebot so hoch ist. Neue Talfahrt. Neuer Gipfel.

Im Alarmschlagen sind die Milchbauern mittlerweile routiniert. Sie haben schon so viele Traktorenumzüge veranstaltet und Milchkannen ausgekippt, sich zum Schein erhängt, Kühe durch Straßen getrieben, Gummistiefel aufgestellt und Särge getragen, dass jeder Greenpeace-Aktivist vor Neid erblasst. Nur das Problem, das ist noch da.

Einzelnen Bauern kann man das nicht vorwerfen, sie verhalten sich ja rational. Keiner kann seine Milchkühe an- oder abschalten wie eine Autofabrik, um sich der Nachfrage anzupassen. Keiner würde freiwillig seinen Hof aufgeben, nur um die Marktchancen seines Nachbarn zu erhöhen. Zugleich tragen viele von ihnen, vor allem in Süddeutschland, tatsächlich zur Pflege der Landschaft bei, die Touristen so schätzen. Was aber sind angesichts dessen "faire" Milchpreise, wenn die Marktpreise es nicht sind? Und wie käme man da hin?

Höhere Preise klingen sympathisch. Dann aber würden die Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit umgehend kritisieren, dass sich Geringverdiener die Grundnahrungsmittel Milch, Butter und Käse kaum mehr leisten könnten. Wäre das fair?

Die Nachfrage im Inland zu steigern oder Exporte zu fördern ist auch heikel. Hierzulande müsste man an der veganen Lobby vorbei, die Soja- und Mandelmilch predigt. Und im Ausland erinnern sich viele an die unheilvolle Geschichte europäischer Exportsubventionen. Die haben hiesigen Bauern zwar jahrzehntelang geholfen, ihre Überschüsse loszuwerden – zugleich aber kleinbäuerliche Strukturen in vielen Entwicklungsländern zerstört. Fairness im Agrarsektor ist oft ein regionaler Begriff.

Den Handel wird die Politik auch nicht umstimmen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat gerade erst die Übernahme von Tengelmann durch Edeka gebilligt. Kartellwächter hatten davor gewarnt, dass die mächtige Supermarktkette gegenüber ihren Lieferanten dann noch mächtiger werde – aber sie wurden nicht gehört. Und nun?

Die Milchmenge muss sinken. Man könnte das Fördergeld einsetzen, um das sozial tragbar zu gestalten. Ansonsten zahlt man einfach immer weiter. Zumindest bis zum nächsten Gipfel.