* 14. 5. 1939 - † 31. 5. 2016

Er war der großherzigste Mensch, der mir in meinem Leben begegnet ist. Ein Mann, der Liebe verströmte, Nächstenliebe und Fernstenliebe, in einem Maße, wie es Menschen nur ganz selten vermögen. Rupert Neudeck hat sein Leben den Hilfsbedürftigen gewidmet, den Geschundenen und Vergessenen. Er tat dies als gläubiger Christ und als Kenner und Verehrer von Albert Camus. Diesem Sisyphos der Humanität war wahrhaft kein Stein zu schwer, um ihn nicht den steilsten Hang hinaufzurollen.

Gewiss nicht nur ich bin Rupert Neudeck stets mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit begegnet. Nicht nur weil er ein großer Journalist war, der für den Deutschlandfunk die Welt bereiste. Sondern weil er neben seiner Arbeit etwas tat, was wir anderen nicht schaffen: einfach dort zupacken, wo es gilt, schreiende Not zu lindern. Er ist aus der Beobachterrolle herausgetreten und hat selbst gehandelt. Unser Berufsstand rümpft über solches Engagement gern die Nase; in Wahrheit hat er uns alle beschämt.

Vor vierzig Jahren hat Rupert Neudeck mit seiner Cap Anamur vor der Küste Vietnams die Boatpeople, die vor der kommunistischen Machtübernahme flohen, aus dem Südchinesischen Meer gefischt – und wurde so zum Vorbild aller, die heute im Mittelmeer Menschenleben retten.

Später half er mit seinen "Grünhelmen", Krankenhäuser und Schulen zu bauen, in Afghanistan, auf dem Balkan, in Syrien und in mancher Krisenregion Afrikas. Von unterwegs meldete er sich bei uns mit Hilferufen. Jahrelang haben wir in unseren Zeitspiegeln auf der Seite 2 der ZEIT um Geld und Unterstützung für seine Projekte geworben. Mindestens das konnten wir für ihn tun.

Öfter, als uns lieb war, kam Kritik von ihm an unserer Zeitung, an einzelnen Artikeln, an mangelnder Analyse, an weißen Flecken im Blatt. "Lieber Kollege", begannen seine Mails, warum fehlt dies in "meiner ZEIT", warum kümmert sie sich nicht um jenes? Wenn ihm etwas nicht passte, forderte er barsch eine Erklärung. Dies war seine Art, Zuneigung auszudrücken. Er hing an unserer Zeitung, an seiner ZEIT. Er verehrte Marion Dönhoff, die Herausgeberin der ZEIT, weil auch sie sich einmischte, weil sie unprätentiös war, auch streng. Im Jahr 2003 ist Rupert Neudeck als Erster mit dem Marion Dönhoff Preis ausgezeichnet worden.

Rupert Neudeck, der nun im Alter von 77 Jahren gestorben ist, hat ein vorbildliches, ein gutes Leben gelebt. Die Liebe, die er gegeben hat, ist ihm in reichem Maße selbst zuteilgeworden. Seine mahnende Stimme wird diesem Land sehr fehlen.

Wir von der ZEIT verlieren einen verehrten Kollegen und treuen Freund.