Hans Berndorf, Kommissar im Ruhestand, Betreiber einer Privatdetektei in Berlin, hat immer viel gelesen. Vor Jahren hat er bei Johann Peter Hebel den Satz gefunden: "Es gibt Untaten, über die kein Gras wächst." Der ist ihm präsent, als eine hagere Frau in seinem Büro auftaucht mit der Bitte, sie bei Nachforschungen zu einem Büchlein zu unterstützen, das sie im Ramsch eines Antiquars gefunden hat. Darin werden einige Geschehnisse in der Nacht des 19. April 1945 (vor Hitlers letztem Geburtstag also) beschrieben, die sich in einem süddeutschen Dorf zugetragen haben: Auf treten Flüchtlinge, Deserteure, Nazibonzen, Dorffrauen. Nicht alles an dieser Geschichte kann erfunden sein. Denn Nadja, so heißt Berndorfs Auftraggeberin, besitzt eine Stoffkatze, wie sie im Buch beschrieben wurde, als einzige Erinnerung an ihre leibliche Mutter. Sie vielleicht zu finden ist Ausgangspunkt von Ulrich Ritzels Nadjas Katze.

Um Untaten, deren Wirkungen aus der Vergangenheit in die Gegenwart reichen, ist es Ulrich Ritzel seit seinem ersten Kriminalroman mit dem damals noch in Ulm ermittelnden Kommissar Berndorf gegangen. 1999 ist der erschienen. Damals war Ritzel 59 und hatte 35 Jahre als Journalist auf dem Buckel. Die Genauigkeit und Hartnäckigkeit, für die der Rechercheur Ritzel 1981 mit dem Wächterpreis ausgezeichnet wurde, hat der Erzähler Ritzel beibehalten, mit den Jahren intensiviert durch ein hintergründiges Auskosten von Szenen und Konstellationen.

Die Lust, mit der Ritzel jetzt in seinem zehnten Roman dem Möchtegernschriftsteller Paul Anderweg die zentrale Erzählung Die Nachtwache des Soldaten Pietzsch untergeschoben hat, ist in jeder Zeile spürbar. Aber ebenso das Vergnügen, diesen "märchenhaften" Text einer Analyse zu unterziehen, um seinen Realitätsgehalt herauszufinden.

Zu diesem Zweck spannt er Berndorf und seine Auftraggeberin Nadja Schwertfeger zu einem merkwürdig miteinander kabbelnden Ermittlerduo zusammen. Die Recherchen über Nadjas Mutter, die ihre Tochter 1946 zur Adoption freigegeben hatte, bevor sie für immer verschwand, betreiben sie mal feindselig, mal intuitiv übereinstimmend. Von ihrer jeweiligen Seite bohren sie sich durch dörfliche Schweigemauern und mit Erinnerungslücken garnierte Deckgeschichten zurück in die Zeit des Kriegsendes. Ritzel versteht sein Schreiben als eine "Art von Aufräumen". Das beutet Wegräumen von Gras, das über die Untaten gewachsen ist. Manchmal kommen auch Handlungen zutage, die keine Untaten waren. Aber erst nach der schwierigen Erinnerungsarbeit. Der Weg dorthin ist jede Leseanstrengung wert.

Ulrich Ritzel: Nadjas Katze. btb Verlag, München 2015; 448 S., 19,99 €, als E-Book 15,99 €