Ob er heute wohl auf der Parkbank übernachtet? Gut möglich, da dieser Mai gerade sozialfürsorgliche Temperaturen aufruft. Die Nächte bleiben aber meist neoliberalistisch kühl. Am wahrscheinlichsten ist also, dass mein Bankier wieder in seinem Hauptbüro bei der Deutschen Bank eingedöst ist, Karl-Marx-Straße 163, an der drittgrößten Einkaufsstraße Berlins. Nach einem harten Tag in den Angeln der Finanzwelt. In Neukölln, auf einer der etwa 50 Zentimeter breiten Plastemarmorplatten, die das Innere des Finanzcenters umranden. Gegen halb sieben wird ihn dann die Putzkraft wecken. Ihn und die anderen zusammengekauerten Obdachlosen, die in diese wohnzimmergroße Repräsentanz der Deutschen Bank AG passen. Ebenjene staatstragende Deutsche Bank, die im vergangenen Jahr zweieinhalb Milliarden Euro Strafe zahlen musste, weil sie lange den Referenzzinssatz Libor manipulierte. Und den gewöhnlichen Sparern damit einen gewaltigen Schaden aufbürdete.

Ich kenne meinen bettelarmen Bankier inzwischen etwas näher, aber möchte mich nicht für seine Lage verantwortlich fühlen. Immerhin ist er ein 34 Jahre alter Mann, im Vollbesitz seiner Kräfte. Als er mir die in Aluminium gefasste Glastür aufhielt, sagte ich danke, "spasibo". Ich sah das große Tattoo einer russisch-orthodoxen Kirche an seinem linken Unterarm und das Rotgoldkettchen um seinen Hals – neben einer gewaltigen Narbe. "Paschaljusta", bitte, Valera lächelte, und seine kalten und gleichzeitig kindlich blauen Augen strahlten auf. Ja, ich spreche auch Russisch, wie er. Was bei ihm vielleicht ankam als: Ich bin ein Russe wie du; wir leben hier beide im Exil. Dreißig Cent warf ich in seinen Pappbecher.

Bis vor Kurzem ärgerte ich mich über die Neuköllner Bankierszunft, der Valera angehört. Fast überall, wo man in der Karl-Marx-Straße Geld abheben kann, steht auch ein verhungernder Helfer, um die Tür und die eigene Tasche aufzuhalten. Oft genug nach Menschenkäse und Kot stinkend. Mit so einer siechenden Servicekraft im Rücken tippe ich meine Geheimzahlen ein, mir schlagartig überprivilegiert vorkommend und meine 20 Euro ebenso schnell wie schamhaft versteckend. Sämtliche Filialen im Umkreis werden spätestens um 23 Uhr abgeschlossen, damit sie niemand mit einem Heim verwechselt. Nur Valeras Selbstbedienungscenter bleibt 23 Stunden am Tag offen. Und ist deshalb das verpestetste und dennoch alternativloseste Geldhaus im Block. Als Kind der Cash Group bin ich also gezwungen, zwei- bis dreimal die Woche meine Nase zuzuhalten, wenn ich abends Geld hole, um ein wenig um die Häuser zu ziehen. Stets wird einem beim Eintritt die Tür aufgehalten. Das stört mich, aber eher beiläufig. Ich begann die Gestalten in meinen Augenwinkeln erst zu beachten, als es aufhörte, zu stinken, weil neuerdings immer wieder dieser Strich neben der Tür stand, der deutlich mehr Wert auf Sauberkeit legte als all die anderen.

Wer war das eigentlich?

Es fiel nicht schwer, Valera kennenzulernen. Halt, das stimmt so nicht: Es dauerte nicht lang, bis ich vieles über Valera wusste. Denn mein Bankier erzählt bereitwilligst von sich. Wahrscheinlich weil er sonst niemanden hat, dem er von sich erzählen kann. Ich wollte wissen, wie er ins Bankiersgeschäft geraten war. Ob dieses Geschäft funktioniert und wenn ja, dank wem? Ich hatte es aus Trotz noch nie subventioniert. Ich zahle nicht für moralische Nötigung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 24 vom 2.6.2016.

Bald entdeckten wir eine Gemeinsamkeit: Auch Valera hadert mit seiner Branche. Mehr noch, er zürnt den verkommenen Kollegen, die sie in Verruf bringen. "Als ich hier anfing, habe ich erst mal lauter Putzmittel und Parfüm gekauft, um diese Bank wieder begehbar zu machen. So ein Gestank. Das kann man den Leuten doch nicht antun! Ich arbeite hier ehrlich, stehle niemandem etwas. Halte Schwangeren und Alten die Tür auf. Das ist doch eine gemeinnützige Arbeit, oder nicht?" Valera sagt diesen Text nicht geschäftsmäßig auf. Es klingt nicht nach einem Paper der Deutschen Bank, einer Keynote zum Thema "Kulturwandel". Bei seinem "oder nicht?" starrt er mich an und wartet auf eine integre Antwort. Ich weiche aus. Denn Gemeinnützigkeit ist etwas anderes. Und ich brauche keinen bettelnden Bankier, ich kann die Tür selbst öffnen. Aber wer eine Säuberungspolitik wie die in Viktor Orbáns Budapest ablehnt und in einer Metropole leben möchte, muss auch sichtbare Armut in Kauf nehmen. Ach, vergessen wir den kleinen Orbán. Wer still schluckt, dass die zockenden Banken gerettet und bis heute keine ernsthaften juristischen, politischen und schon gar nicht systemischen Konsequenzen gezogen wurden, sollte nicht nach Menschen treten, die in Vorräumen kauern, um nicht zu verrecken.

Hygiene ist Valeras erstes Geschäftsgebot. Er befolgt es streng – so gut es die Waschzeiten in der Obdachlosenmission eben zulassen. Als ich zum ersten Mal mit ihm spreche, trägt er schwarze, vorzeigbare Turnschuhe, eine saubere Jeans und ein ordentliches schwarzes Longsleeve. Wie einer, bei dem alles im Reinen ist, sieht er aber definitiv nicht aus. Ein hagerer, vom Leben gezeichneter Kerl, mit braun gerauchten Fingerenden, ungesunden Speichelpfützen um die Mundwinkel und krummer Körperhaltung. Letztere überträgt er irgendwie auf die eigentlich recht massive Tür, die unheilvoll stöhnt, wenn er sie hin- und herzerrt. Um dem zweiten Geschäftsgebot zu genügen, mit dem Valera sich von den Bad Bankiers unterscheiden will, kauft er täglich bei Rewe: Bitter-Lemon-Limonade von Ja!. "Siehst du?", er zeigt stolz auf die Flasche neben ihm, "ich trinke nicht. Die anderen arbeiten besoffen, lassen die Tür zuschlagen, werden ausfallend. Bei mir weiß jeder: Der trinkt nicht, mit dem gibt es keine Probleme. Wenn die Polizei kommt, zeige ich die Limo und meinen Arm mit der Kirche. Dieser Arm ist mein Pass."

Seinen Papierpass habe er vor vier Wochen verloren. Nachdem er zum Urlauben nach Deutschland gekommen sei. Besonders glaubwürdig klingt das nicht. Eher schon der Plan, möglicherweise zu bleiben. "Vielleicht kannst du mir ein wenig mit den Anträgen helfen? Du sprichst ja Deutsch." Ein gewisser Stasik führte Valera ins Bankenbusiness ein. Seit zwei Wochen ist Stasik aber verschwunden. "Wahrscheinlich im Donbass." Zuletzt hatte er Valera gefragt, ob sie als Söldner für Russland in der Ukraine anheuern wollten. Sein Kontaktmann würde alles regeln, der Lohn sei gut. Aber Valera wollte ein ehrbarer Bankier bleiben: "Russland gegen die Ukraine. Wir sind doch Brüder. Ich töte nicht meine eigenen Leute."