In der Zukunft, schreibt Ernst-Volker Staub im Jahr 1984 in einem Brief, werde es eine umfassende Überwachung durch Computer geben. Er malt sich "ein hochkompliziertes, flächendeckendes u. die gesamte bevölkerung umfassendes fahndungssystem (das durchaus auch im europäischen rahmen .. vorstellbar ist)" aus, "mit dem nach gezielten kriterien nach einzelnen u. gruppen gerastert werden soll".

Staub ist, als er diese Zeilen in Kleinbuchstaben schreibt, 30 Jahre alt, Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF), Insasse des Gefängnisses Frankenthal, verurteilt wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, unerlaubten Waffenbesitzes und Urkundenfälschung. Vier Jahre später kommt Staub frei. Kurz darauf geht er in den Untergrund. Dort lebt er – unerkannt bis heute. Er ist jetzt 62.

Seit 25 Jahren wird wieder nach Staub gefahndet. Er soll zum Beispiel 1993 an einem Sprengstoffanschlag auf das noch nicht eröffnete Gefängnis im hessischen Weiterstadt beteiligt gewesen sein, gemeinsam mit Daniela Klette (heute 57) und Burkhard Garweg (heute 47). Die Ermittler vom niedersächsischen Landeskriminalamt (LKA) in Hannover gehen davon aus, dass die drei ehemaligen Mitglieder der sogenannten Dritten Generation der RAF im Untergrund zusammenleben.

Nun haben sich die drei vergessenen Gestalten wieder materialisiert. Sie haben Geldtransporter überfallen und Supermärkte ausgeraubt, vor allem in Niedersachsen. Wahrscheinlich brauchen sie Geld zum Leben. Aber das gewaltige Medieninteresse, das ihre Raubzüge begleitet, deutet darauf hin, dass da ein Land noch nicht abgeschlossen hat mit seiner Geschichte: Wer sind diese Gespenster, die uns aus dem Dunkel der Vergangenheit heimsuchen? Wo werden sie wohl als Nächstes auftauchen? Planen sie vielleicht wieder einen Terroranschlag?

Die RAF hat die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte geprägt wie kaum ein anderes Phänomen. Die Dritte Generation verübte in den achtziger und neunziger Jahren blutige Anschläge. Sie wird unter anderem für die Ermordung des Treuhandchefs Detlev Karsten Rohwedder, des Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts und des Chefs der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, verantwortlich gemacht – Morde, die bis heute nicht geklärt sind, weil sie sehr gut geplant waren und kaum Spuren offenbarten.

Heute gibt es jenes flächendeckende, computergesteuerte Überwachungssystem, das Staub sich 1984 vorgestellt hat. Allerdings kann die Polizei keinen Computer mit Fotos von Terroristen füttern und ihn so Häuser überwachen lassen, wie Staub das damals imaginierte. Auch kann sie die Stimmen der Terroristen nicht im Telefonsystem speichern und jedes Mal alarmiert werden, wenn diese zum Hörer greifen.

Die kriminalistische Arbeit zum Aufspüren der Alt-Terroristen ist weit mühsamer. Es heißt: Muster suchen, erkennen und analysieren. Hypothesen aufstellen, ihnen folgen. Und sie gegebenenfalls wieder verwerfen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Staub, Klette und Garweg nicht nur im vergangenen Jahr Geldtransporter in Stuhr und Wolfsburg überfallen haben, sondern seit 2011 mindestens fünf Supermärkte. Weil die Spuren noch nicht komplett ausgewertet sind, liegen aber noch keine sicheren Beweise vor.

Tausende Supermärkte werden jedes Jahr ausgeraubt, aber der Modus Operandi, dem die Ex-RAF-Terroristen mutmaßlich folgen, ist sehr speziell: Überfallen werden Geldtransporter und große Läden, von zwei, maximal drei Tätern. Zugeschlagen wird meistens nach oder vor Feiertagen, nach Weihnachten in Wolfsburg, nach Fronleichnam (allerdings in Niedersachsen kein Feiertag) in Stuhr, nach Himmelfahrt in Hildesheim, vor Weihnachten in Stade. Der nächste Feiertag in Deutschland ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, er fällt auf einen Montag.

Weil sie bei den letzten Raubzügen kein Geld erbeuteten, ist zu erwarten, dass die Täter weitere Überfälle begehen – an Freitagen, Samstagen und Montagen. So wie sie es wahrscheinlich am 19. Oktober 2015 in Northeim, am 23. August 2014 in Elmshorn und am 30. September 2011 in Celle-Neuenhäusen getan haben. Die Beute betrug jeweils mehrere Zehntausend Euro.

Sie stürmen Läden und Geldtransporter mit Kalaschnikows, mitunter benutzen sie auch eine Panzerfaust. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Waffen noch aus einem alten RAF-Depot stammen. Eine neuere Waffe haben die Täter Anfang Mai dieses Jahres in Hildesheim erbeutet.

Die Überfälle sind minutiös geplant. Die Täter kennen alle Zeiten und Umstände exakt, vermutlich haben sie die Fahrten der Geldtransporter und die Gepflogenheiten in den Supermärkten tagelang observiert. Auch über mögliche Fluchtwege wissen sie genau Bescheid. In der Nacht vor dem Überfall in Stade an Heiligabend 2012 haben sie zum Beispiel die Barriere an einem Fußgängerweg abmontiert und konnten so mit einem Blaulicht auf dem Auto aus einer Sackgasse entkommen. Die Beute betrug 130.000 Euro.

Die Täter zeigen unglaubliche Disziplin: Als sich in Stuhr die Tür des Geldtransporters nicht öffnen lässt, schießen sie dreimal, ein Projektil durchdringt die Scheibe. Der Mann im Wagen macht den Räubern durch Gesten klar, alles sei verriegelt, er könne nicht öffnen. Also verschwinden sie, brechen den Überfall ab, obwohl sie ihn mit ungeheurem Aufwand vorbereitet haben.