Es gibt Horror-Schulgeschichten aus dem jüngst vergangenen Jahrhundert, da möchte man zu dem Schluss kommen: Ohne Religion wäre die Schule ein weniger schauriger Ort. Ältere Damen berichten noch heute von christlichen Ordensschwestern, die ihnen in der Schule mit dem Holzlineal auf die Finger hauten – was besonders wehtat, wenn den Kindern die Botschaft der Liebe eingehämmert werden sollte.

Den solcherart Misshandelten wurde nicht nur das Christentum verdächtig, sondern die Liebe als das Menschenmögliche gleich mit. Christopher Hitchens, scharfzüngiger Vertreter der angelsächsischen new atheists, hat die Abtötung des Glaubens durch den Religionsunterricht am eigenen Leib beschrieben. Der Herr ist kein Hirte hieß sein erster Bestseller. Und noch in seiner Autobiografie The Hitch. Geständnisse eines Unbeugsamen beschrieb der todkranke Autor, wie er das Christentum hassen gelernt hatte: durch ein Zusammenspiel von Lehrerwillkür, Pflichtgottesdiensten, puritanischer Abschreckungspädagogik und sexuellen Übergriffen ausgerechnet durch die Tugendprediger.

Ein Europa ohne verpflichtenden Religionsunterricht – es wäre Hitchens als bessere Welt erschienen. Heute ist Religion an den staatlichen Schulen in Deutschland eine frei wählbare Option. Bleibt aber das Problem: Wenn man das Fach weglässt, ist deshalb die destruktive Macht der Religionen nicht weg. Jugendliche sind durch sie noch immer besonders gefährdet, nur anders als Hitchens: Heute verbreiten fundamentalistische Imame und salafistische Aktivisten ihre Religion, den Islam, in pervertierter Form.

Deshalb hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) einen Vorschlag gemacht. "Flächendeckender Islamunterricht", sagte Heinrich Bedford-Strohm vorige Woche, sollte an deutschen Schulen eingeführt werden. Also: Glauben lernen unter staatlicher Aufsicht. So bekämen muslimische Schüler einen kritischen Zugang zu ihrer Religion: "Sie könnten Neues über den Islam lernen – auf dem Boden des Grundgesetzes."

Die Idee klingt gut. Zwar können verfassungstreue Muslime zu Recht schimpfen, es dürfe keinen Generalverdacht geben gegen Lehrer an Moscheen. Aber die Gefahr verringerte sich, dass muslimische Kinder von Fundamentalisten indoktriniert werden und im Religionsunterricht hassen lernen. Allerdings: Warum sollen Kinder heute nur etwas über jene Religion lernen, in die sie zufällig hineingeboren wurden? Und was lernen die Atheistenkinder?

Anders als Hitchens und die new atheists sich das erträumten, sind die Religionen ja nicht aus der Welt verschwunden, sie befeuert die Weltkonflikte neu. Es wäre also sinnvoll, wenn Kinder einen Religionsunterricht bekämen, der religionskritisch wäre: über das Christentum, das Judentum, den Islam, den Buddhismus. Säkulare Ethik und Philosophie wären keine Alternative dazu, sondern eine notwendige Ergänzung.

Bisher wollten die Kirchen nicht, dass der bekenntnisorientierte Unterricht an den Schulen wegfällt. Es wäre aber höchste Zeit, Schüler nicht um eines Bekenntnisses willen nach ihrer Religionszugehörigkeit auseinanderzudividieren. Es wäre Zeit, sie gemeinsam über Religion zu unterrichten. Dann würden die Christen etwas über den Islam lernen, die Muslime etwas über das Christentum, die Atheisten etwas über den Glauben – und alle gemeinsam Toleranz.