Virginia Raggi wird schon erwartet am östlichen Stadtrand von Rom. Eine kleine Menschengruppe hat sich vor dem Zeitungskiosk zwischen Sechziger-Jahre-Mietshäusern an der Via Casilina versammelt, es gibt Applaus, als die Bürgermeister-Kandidatin der Fünf-Sterne-Bewegung auftaucht. Eine schmale Frau mit dunklen Haaren und einem Madonnengesicht. Sie trägt einen Trenchcoat und kaum Schminke. Ein Lebensmittelhändler stürmt aus seinem Laden – in der Eile hat er seine Schürze anbehalten – und auf Raggi zu. "Bist du bereit?", ruft er und schüttelt energisch ihre Hand. "Klar", antwortet sie. "Und ihr, seid ihr bereit?"

Mehr sagt sie erst mal nicht, tut vorsichtig einen Schritt zurück. Wer in Rom Bürgermeister werden will, muss ein Politiker zum Anfassen sein. Raggi macht mit, doch es kostet sie sichtlich Überwindung. Der Händler überschüttet die Kandidatin mit einem Redeschwall über all das, was ihm nicht passt an seiner Stadt.

Die Schlaglöcher im Asphalt, der Mangel an Parkplätzen, der Müll auf der Straße. "Und nie weiß man, an wen man sich wenden soll!" – "Es müsste eine Beschwerdestelle geben, die immer besetzt ist", schlägt Raggi vor. Und die Steuern, klagt jetzt der Händler: "Wir werden stranguliert." Die Kandidatin lächelt milde. "Die Steuern zu senken", sagt sie leise, "kann ich nicht versprechen." Der Händler breitet die Arme aus. "Wenigstens bist du keine Politikerin!", ruft er.

Das könnte in der Tat genügen, damit Rom mit Virginia Raggi den ersten weiblichen Regenten in fast 3000 Jahren Stadtgeschichte bekommt. In den Umfragen für die Wahl am Sonntag liegt sie vorn. Doch weil voraussichtlich keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit erreichen wird, ist eine Stichwahl zwei Wochen später sehr wahrscheinlich. Es wäre ein politischer Triumph für die Fünf-Sterne-Bewegung, auch M5S genannt. Und die bisher größte Niederlage für den Premierminister Matteo Renzi.

Der 37-jährigen Rechtsanwältin Raggi hilft, dass sie als Außenseiterin gilt. Sie hat so gut wie keine politische Erfahrung, unterstützt wird sie auch nicht von einer klassischen Partei, sondern von einer "Bewegung". So nennen sich die M5S; an ihr hält der Komiker Beppe Grillo die Markenrechte, denn M5S ist tatsächlich eine eingetragene Marke, so wie Fiat. Die M5S entstanden 2009 aus Grillos Protestveranstaltungen gegen die etablierten Parteien. Leckt-uns-am-Arsch-Tage nannte Grillo diese Polit-Happenings, auf denen politische Gegner wie Silvio Berlusconi, aber auch die heute mit Matteo Renzi regierende Demokratische Partei (PD) allesamt als Volksverräter und Parasiten geschmäht wurden.

Die Bewegung ist weder im linken noch im rechten Lager zu verordnen. Mal profiliert sie sich mit ausländerfeindlichen Sprüchen, dann fordert sie ein Grundeinkommen für alle. Sie ist EU-kritisch, möchte den Euro abschaffen und durch Tauschgeld ersetzen. Sie geriert sich als Fundamentalopposition gegen alle und alles.

Mit diesen Positionen wurde die Fünf-Sterne-Bewegung bei den Parlamentswahlen 2013 hinter der PD die zweitstärkste politische Kraft. Koalitionen lehnt sie ab, sie betreibt Opposition. In Rom wollen die M5S allein regieren. Virginia Raggi, die wie alle Kandidaten in einer Internetabstimmung gekürt wurde, verkündet jetzt Grillos Programm für die Hauptstadt: Schluss mit Korruption und Vetternwirtschaft in Politik und Verwaltung. Strafen für alle, die in die eigene Tasche wirtschaften.

Grillo pflegt seine Wahlkampfauftritte weitgehend schreiend zu absolvieren und reagiert auf Kritik humorlos. Raggi bleibt leise und lächelt über Einwände hinweg. Inzwischen ist sie neben dem Gründer die bekannteste Aktivistin der Bewegung, ein Medienstar. Und das, obwohl sie die Einladungen für fast alle Talkshows abgelehnt hat. M5S-Aktivisten lehnen das Fernsehen als Herrschaftsinstrument der etablierten Parteien ab. Sie, sagt Raggi, ziehe lieber über römische Wochenmärkte als durch Fernsehstudios.

In ganz Italien werden Kommunalwahlen abgehalten, insgesamt in fast 1400 Gemeinden, auch in den Großstädten Mailand, Turin und Neapel. Für Premier Renzi sind sie ein wichtiger Testlauf für seine Partei PD vor der nächsten Parlamentswahl 2018. Und ausgerechnet in der Hauptstadt droht ihm ein Fiasko. Die letzte PD-geführte Stadtverwaltung von Rom musste im November zurücktreten, weil der Bürgermeister über gefälschte Restaurantrechnungen gestolpert war. Eine Bagatelle angesichts des ungeheuren Korruptionsskandals, der bis heute die Stadt erschüttert: Ende 2014 war bekannt geworden, dass sich ein kriminelles Kartell mit Verbindungen zu Mafia-Banden und neofaschistischen Organisationen über Jahre an öffentlichen Aufträgen gemästet hatte – es ging sowohl um Bauaufträge als auch um Dienstleistungen im sozialen Bereich, etwa bei der Flüchtlingshilfe. Sowohl rechte als auch linke Politiker waren in den Skandal verwickelt.

È tutto un magna-magna, sagt der Volksmund, "die da oben schlagen sich alle auf unsere Kosten den Bauch voll". So predigt es auch Grillo. Die Römer fühlen sich verraten und verkauft von einer korrupten Kaste, die ihre Stadt heruntergewirtschaftet hat. Grillos Kandidatin Raggi hat deshalb leichtes Spiel. Hauptsache, da ist eine, die neu ist und sauber. Hauptsache, sie gilt nicht als Politikerin. Endlich, so hoffen die Römer, ist da eine, die den Augiasstall ausmisten könnte.

Sie könnte etwa mit der städtischen Polizei anfangen. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass neue Skandale ans Tageslicht kommen. So ließen die Wachmänner 1300 Strafzettel eines Likörfabrikanten verschwinden, als Gegenleistung gab es Naturalien und ein monatliches "Trinkgeld". Auch der Chef war bestechlich, der inzwischen abgesetzte oberste Polizist Roms soll 30.000 Euro Schmiergeld für die Vergabe eines lukrativen Auftrags kassiert haben: Straßenreinigung nach Verkehrsunfällen. Unlängst wurde in einem Hinterzimmer der Stadtverwaltung ein Giftschrank entdeckt: Akten von 189 Disziplinarverfahren waren darin eingeschlossen, die meisten sind inzwischen verjährt.