Frau Baumgart hatte mir vor Monaten in Hamburg bei einer Veranstaltung mit dem Schachweltmeister Magnus Carlsen aufgelauert. Ich müsse im Mai unbedingt zu ihrer europäischen Schulschachwoche nach Hannover kommen, um darüber zu berichten. Bevor ich etwas erwidern konnte, steckte die Einladung schon in der Tasche: "European Chess Hannover, Grundschule Am Sandberge, Bemerode".

Wie jetzt, Grundschule?

Erstklässler, die sich morgens noch auf ihren Schulweg konzentrieren müssen, um überhaupt in den Unterricht zu finden, richten ein internationales Treffen aus? Empfangen mit ihren älteren Geschwistern und Eltern Kinder aus 20 Ländern, ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen? Alles Schlauberger zudem, die Schach geben und matt setzen?

Konnte ich mir nicht so recht vorstellen.

Aber warum sollte es mir anders ergehen als jedem, der Christine Baumgart und ihrer Grundschule zum ersten Mal begegnet. Das im Grünen gelegene Ensemble im Südosten Hannovers ist ein Hort der Überraschungen, geleitet von einer Rektorin, die ihren Elan in 40 Dienstjahren gestählt hat.

"Was Grundschüler alles können!", ruft sie zur Begrüßung. Wer sich auf den mit selbst gebastelten Springern, Türmen und Läufern fröhlich geschmückten Fluren umsieht, möchte ihr nicht widersprechen. Ein paar Kinder führen mich in die Turnhalle, wo in wenigen Minuten der große Schaukampf beginnen soll. Zwei lange Tischreihen mit Brettern und Figuren durchziehen den Raum. Die Schüler aus Bemerode und ihre europäischen Gäste fordern am vierten Tag der Schachwoche Prominente aus Hannover zu einer Partie heraus. Mal sehen, wer stärker ist!

Die Jungen und Mädchen sitzen schon da. Wann geht es endlich los? Aber viele Plätze ihnen gegenüber sind leer. Die Prominenten kneifen oder haben anderes zu tun, als an einem Donnerstagmorgen mit Knirpsen Klötzchen zu schieben. Gibt es jetzt lange Gesichter? Platzt die Veranstaltung? Nö. Es wird improvisiert. Eine Lehrerin tritt auf mich zu. "Können Sie spielen? Würden Sie einspringen?" Na gut. Dann vertrete ich eben Doris Schröder-Köpf, die abwesende Schirmherrin, und trete gegen ein Mädchen aus den Niederlanden an.

What is your name? Stella. Ulrich. Ankucken, Hände schütteln. Stella hat Weiß. Sie zieht den Königsbauern und wählt die Schottische Eröffnung. Sie sagt kein Wort. Ich ziehe, sie zieht. Heiliger Ernst spricht aus ihrem Gesicht, aber sie grübelt nicht. Zack, zack kommen die Züge.

Irgendwann übersieht sie einen kleinen Trick, verliert eine Figur, und gleich ist es zu Ende mit ihr.

Verloren, doof. Noch mal?

Stellas Vater gesellt sich hinzu, Marcel Dekker. Er spricht ganz gut Deutsch. Sie kämen aus Assen bei Groningen, und Stella sei ein kluges Mädchen, auch in Mathe sehr gut, deshalb spiele er Schach mit ihr. "Sie lernt schnell und sieht das alles sehr schnell."

Mit fünf habe sie angefangen, nun sei sie neun und habe schon an den niederländischen Meisterschaften teilgenommen, leider nur ein hinterer Platz in ihrer Altersklasse. In Hannover, beim Turnier der Kinder gegeneinander, sei sie aber sogar Zweite geworden!