Die gefährlichste Idee des Hamburger Senats seit Langem, nämlich lebensgefährlich für sein politisches Überleben, ist der Plan, Schrebergartenflächen für den Wohnungsbau, womöglich sogar für Flüchtlingsunterkünfte umzuwidmen. Wenn man bedenkt, dass selbst Villenbesitzer in den Elbvororten bereit waren, zu Akten des zivilen Ungehorsams zu schreiten, um Notunterkünfte in ihrer Nachbarschaft zu verhindern, mag man den Zorn ermessen, der bei jenen entstehen kann, die sich ohnehin für unterprivilegiert halten – und stolz darauf sind.

Der Stolz nährt sich aus dem Gefühl der Unangreifbarkeit. Wer für ein bisschen Glück im Leben nicht mehr als einen Kleingarten erobern konnte, ist niemand, von dem man verlangen könnte, davon wieder etwas abzugeben. Das ganze deutsche Laubenpieperwesen lebt von dem Gefühl, das Milieu des sogenannten kleinen Mannes idealtypisch zu verkörpern. Und wer diesem kleinen Mann zu nahe tritt, begeht die politische Todsünde, von der seit je die Parteien am rechten Rand profitieren. Wenn schon die temporäre Umwidmung von Sporthallen zu Flüchtlingslagern der AfD die Möglichkeit gab, das Ressentiment zu formulieren, der Deutsche werde im eigenen Land zum "Bürger zweiter Klasse" – um wie viel leichter dürfte dieser Vorwurf bei der dauerhaften Umwidmung von Kleingärten fallen?

Der Schrebergarten markiert schlechterdings das Gelände, auf das die dort Siedelnden einen unverlierbaren moralischen Anspruch zu haben meinen. Ich bin klein, mein Herz ist rein, das Gartenzwerglein soll mein Bürge sein. Die Ausgestaltung und Verzierung der Laube mit Insignien des Niedlichen und Putzigen, mit Figürchen und Blümchen und weiß lackierten Traktorreifen (weiß wie die Unschuld) dient der Beglaubigung ihrer Besitzer als ebenfalls niedlich und klein und harmlos und putzig – also letzten Endes als Kinder, deren Unschuld unter besonderem Schutz des Staates zu stehen hat und nicht etwa übergeordneten Interessen geopfert werden darf. Welches Interesse könnte überhaupt dem Interesse des Kleingärtners übergeordnet sein? Wer könnte zarter und schutzbedürftiger sein? Doch nicht etwa der böse Muselmann!

Das ungefähr ist die Befindlichkeit, mit der der Hamburger Senat zu rechnen hat. Dabei tut es nichts zur Sache, dass die Stadt nächst Berlin die meisten Kleingärten hat, und dazu auf einer Fläche verteilt, die ohnehin von Verdichtung weit entfernt ist und im Wesentlichen von Einfamilienhäusern und deren Gärten geprägt ist. Das Umweltargument (mit der "grünen Lunge") ist nur das neueste Tarnargument für Heimattümelei und Fremdenfeindlichkeit. In den Walddörfern wurde auch schon behauptet, das umliegende Natur- und Quellenschutzgebiet werde durch enthemmtes Urinieren in den Flüchtlingslagern gefährdet.

Das grüne Argument lässt sich also leicht zurückweisen. Schon herber wäre der Hinweis darauf, dass Kleingartengelände nur gepachtet und kein Besitz auf Ewigkeit seien.

Die wirkliche Hürde im Verteilungskampf mit Schrebergärtnern ist aber deren Anspruch, als Milieu am Ort erhalten zu bleiben. Wenn Goethe mit seiner Vermutung recht hat, alles Leben sei nur ein Gleichnis, dann ist auch der Schrebergarten nur eine Metapher. Die Metapher steht für eine Idylle, die dem Weltgeschehen bedingungslos entzogen ist, also auch von keinem Globalisierungsgeschehen, keiner politischen Not, nicht einmal vom wirtschaftlichen Wachstum einer Großstadt gefährdet werden darf. Der Senat steht nicht nur vor einem Flüchtlingsproblem. Er steht vor dem Problem, dass die Stadt auch durch Prosperität wächst – und dieser eigentlich erfreuliche Umstand von den Bürgern als unerfreulich wahrgenommen wird.

Es geht aufwärts, aber das heißt für den Laubenpieper, dass es abwärts geht. Denn eine Gartenkolonie ist der Hafen, der erst dann alle Träume erfüllt, wenn kein Schiffsverkehr mehr stattfindet.