Vorab sei gewarnt: Wer Deutschland weiterhin als "Weltmeister der Bildungsungerechtigkeit" bezeichnen will, der sollte diese Studie nicht lesen. Auch wer den "Akademisierungswahn" beschwört oder den Bachelorabschluss als Irrweg sieht, den könnte diese neue Studie ins Wanken bringen. Sie trägt den Titel Bildungsgerechtigkeit in Deutschland und analysiert die Entwicklung seit 2000, dem Jahr der ersten Pisa-Studie. Autorinnen sind die Ökonominnen Christina Anger und Anja Katrin Orth vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Erstellt wurde die Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Für ihre Arbeit haben Anger und Orth eine Fülle anderer Untersuchungen daraufhin abgeklopft, ob die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland zu- oder abgenommen hat. Als Maßstab wählen sie den verbesserten Zugang zu Bildung von Kindern aus "bildungsfernen" Schichten – ohne dass zugleich die Chancen anderer Kinder sinken.

Wenn man bedenkt, wie hart und pauschal die Schulen und Hochschulen sowie die Bildungspolitiker unaufhörlich kritisiert werden, dann sind die Ergebnisse wie ein warmer Regen für das deutsche Bildungswesen.

Die Studie enthält acht gute Nachrichten:

1. Im Widerspruch zum Bildungsbericht der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, zeigt sich anhand von Daten der Piaac-Studie (einer Art "Erwachsenen-Pisa"), dass es hierzulande mehr Bildungsaufsteiger als -absteiger gibt. Der Nachwuchs ist also besser gebildet als seine Eltern.

2. Die Bildungsungerechtigkeit unter den Schülern ist deutlich zurückgegangen. Die wird in der Pisa-Studie definiert als der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Leistungen der 15-Jährigen. Im Jahr 2000 wies Deutschland einen der weltweit schlechtesten Werte auf, 2012 lag es im Mittelfeld.

3. Die sogenannte Risikogruppe der Jugendlichen, die mit 15 Jahren nicht richtig lesen können, schrumpfte im gleichen Zeitraum von 23 auf 15 Prozent. Ebenso verkleinerte sich der Leistungsunterschied zwischen den Schülern mit und ohne Migrationshintergrund.

4. Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Einwandererkinder besuchen zunehmend den Kindergarten.

5. Unter den 20- bis 29-Jährigen sank der Anteil der Ungelernten von 17 auf rund 14 Prozent.

6. Das Bildungswesen ist durchlässiger geworden, die Zahl der Studenten ohne Abitur hat sich verdreifacht. Unter den Kindern aus Nichtakademikerfamilien kletterte der Akademikeranteil von 19 auf 23 Prozent. Ihre Chancen auf ein Studium sind also entgegen der landläufigen Meinung gestiegen.

7. Die Arbeitslosenquote unter Akademikern ist von 4,7 Prozent im Jahr 2003 auf 2,4 Prozent im Jahr 2014 gesunken.

8. Bachelorabsolventen landen in der Regel problemlos im Arbeitsmarkt, ohne Gehalts- oder Karrierenachteile.

Diese vielen guten Nachrichten muss man erst einmal sacken lassen. Und sich dann den Themen zuwenden, bei denen die Ökonominnen Nachholbedarf sehen: der weiteren Investition in die frühkindliche Bildung gerade für Bildungsschwache, mehr Ganztagsangeboten und Qualitätsanreizen an Schulen. Auch die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung muss besser werden.

Wem die Studie nicht behagt, der wird einwenden, das Institut der deutschen Wirtschaft sei arbeitgebernah und die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU verbunden. Stimmt, das ist so. Doch an den Zahlen, an der Wirklichkeit, kommt keiner vorbei.